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Wurstessen in Paris

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März 22, 2018 by moi

20180323Saucisson, erleuchtet, Hamburg 2018

 

Der Titel dieses Blogeintrags ist etwas irreführend, denn eigentlich soll es hier nicht um Wurst gehen, sondern um Saucisson. Saucisson ist in Frankreich ungefähr das, was man hierzulande prosaisch als „Hartwurst“ bezeichnet, und ist in Deutschland so unbekannt, dass der Wikipedia-Eintrag zur Saucisson behauptet, es handele sich um eine Schweizer Spezialität.

Möglicherweise (ich möchte hier ganz ausnahmsweise eine Lanze für den Aluhut schlagen) liegt diese Ausgrenzung der Saucisson in Deutschland daran, dass Saucisson einfach die bessere Wurst ist, was im Wurstland Deutschland natürlich keinesfalls akzeptiert werden kann. Saucisson ist einfach knackiger, würziger und auf gute Art und Weise fettiger als das, was man hierzulande so in Scheiben schneidet. Saucissons werden in Frankreich hauptsächlich zum Apéro weggesnackt, man kann unter Hinzunahme von Brot und Wein aber auch eine abendfüllende Veranstaltung daraus machen.

Ich war ja sieben Jahre lang Vegetarierin, bis ich ein Jahr lang als Erasmus-Studentin in Bordeaux gelebt habe. Dazu muss man sagen, dass ich nie zu den Vegetariern gehörte, denen Fleisch irgendwann egal ist oder die es eklig finden: Kein Fleisch zu essen, war sieben Jahre lang eine Qual, und in Bordeaux war es dazu noch unmöglich, wenn ich nicht verhungern oder mich völlig ins soziale Abseits katapultieren wollte. Also habe ich gesagt: Na gut, ich setze ein Jahr aus, es gehört ja auch zur Kultur, und danach versuche ich auf vegan umzustellen. Das ist nie passiert. Das erste, was ich nach sieben Jahren Fleischlosigkeit gegessen habe, war eine Saucisson, und das in einer Geschwindigkeit, dass eine Freundin mir erst kürzlich, zwölf Jahre nach dem Durchbruch, gestand, dass sie das Wort dévorer in dem Moment verstanden hätte, in dem sie mir zusah, wie ich eine komplette Saucisson in mich hineinstopfte. Dévorer heißt auf Deutsch „verschlingen“. Leider hat sich mittlerweile selbst in Paris eine (wenn auch überschaubare) Veganer-Mafia breitgemacht und in der Metro-Station République über das Plakat eines Obst-/Wurst-/Käse-Tellers die Saucisson mit Bon Cancer, „guten Krebs“, übermalt. Pfui, ihr verklemmten Spießer.

Wann immer ich in Frankreich bin, bringe ich mindestens ein halbes Dutzend Würste mit. Saucissons gibt es in unterschiedlichsten Variationen: Mit Feigen, Nüssen, Trüffeln, Rotwein oder Thymian, nur um ansatzweise auf das kreative Potential der französischen Charcuterie hinzuweisen. Am Liebsten aber liebe ich Wildschweinsaucisson, die gibt es aber nur im korsischen Spezialitätengeschäft und Korsen sind kapriziöse Gestalten. Ich habe einmal eine sehr leckere auf dem Marché d‘Aligré gekauft, aber leider hat der Stand völlig unberechenbare Öffnungszeiten. Dann habe ich den wunderbaren korsischen Spezialitätenladen U Spuntinu entdeckt, das heißt so viel wie „zweite Mahlzeit“ auf korsisch, und ich finde das sehr passend, denn Wurst geht immer. Leider waren die dieses Mal im Urlaub und haben es innerhalb einer Woche nicht geschafft, neue Saucissons geliefert zu bekommen. Aber immerhin, eine kleine Variation konnte ich doch nach Hamburg mitnehmen. Irgendwer muss die armen Saucissons doch vor Veganern beschützen.

 


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