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Weltschmerz und Widerstand

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Dezember 24, 2015 by moi

20151224_1In der Nacht vom 13. November, somewhere in Paris

 

Einmal habe ich im Intercity mein Tagebuch verloren. Zum Glück war ich der letzte Mensch im Abteil und bin an der vorletzten Station ausgestiegen, und da es sich um eine unscheinbare Kladde handelte, gehe ich davon aus, dass sie von einem müden, unterbezahlten Bahnmitarbeiter mit den Bananenschalen der anderen Gäste in den Müllsack befördert wurde, einen Gedanken, den ich durchaus romantisch fand. Trotzdem stand doch auch einiges prekäres Zeug dadrin, und ich habe danach einige Monate kein neues Tagebuch beginnen können.

Ein bisschen fühlt es sich auch so an, nach drei Monaten wieder zu bloggen und sich immer noch zu fragen, ob das Mäandern über formschöne Verweigerung diesen Zeiten angemessen ist. Und dann ärgere ich mich, weil dieser Blog von jeher gegen den Zeitgeist im Speziellen und Imperative im Allgemeinen war. 2015 war das Jahr, in dem ich begann, mir orgiastische Amaryllis auf das Regal vor meinem Bett zu stellen und mir wieder in Erinnerung zu rufen, dass man eine moralische Pflicht gegenüber sich hat, sich modisch aufzurüschen. Weil ja, wenn man meinem ewigen Helden Albert Camus glauben schenken darf, das einzig wichtige philosophische Problem der Selbstmord ist. Den Mythos des Sisyphos habe ich mit 16 Jahren verschlungen und die Jahre darauf auch immer wieder. Ich fand den Gedanken, sich morgens beim Aufstehen gegen den Selbstmord zu entscheiden, seit meinen Teenagerzeiten sehr glamourös und kein bisschen morbide. Weil es im Umkehrschluss heißt, dass man jeden Tag davon ausgehen kann, dass etwas ganz Wunderbares passiert, bei dem man gut angezogen sein möchte. Und daher hat jeder Tag es verdient, dass man sich für ihn aufrüscht.

20151224_5 20151224_4Orgiastische Amaryllis

 

20151224_2 20151224_3Orgiastisches Schuhwerk, besonders geeignet für die Verteidigung von Doktorarbeiten

 

Ich lese mich gerade durch die Dramen von Oscar Wilde, und in A woman of no Importance heißt es: Life, Lady Stutfield, is simply a mauvais quart d’heure made up of exquisite moments. Ich finde: Wenn wir in diesen Zeiten keine Dandys sind, ist alles verloren.


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