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Des Lebens Überfluss

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November 27, 2013 by moi

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„Wir leben über unseren Verhältnissen“ ist eine dieser nervtötenden Aussagen, mit der eine wegbrechende Mittelklasse weise und sarkastisch tut und in Wirklichkeit nur in spießbürgerlicher Ängstlichkeit verharrt. Menschen, die diesen Satz sagen, finden sich auch ganz besonders modebewusst, wenn sie ein Outfit „overdressed“ finden. Ich persönlich finde, man kann überhaupt nicht overdressed sein. Ich kann mich nur wiederholen und ergänzen: Auch ein Scheißtag hat verdient, dass man sich für ihn aufrüscht – und außerdem mit Champagner begießt.

Ich war mal Stipendiatin und jetzt notorisch pleite, und das mag angesichts des auffälligen Rekurses auf Klamotten, Champagner und Paris kokett klingen, aber ich bin tatsächlich so kreativprekär, das geht auf keine Kuhhaut mehr. Ein bisschen austérité würde mir gar nicht schaden. Indes: In diesem Fall ist es nicht das Fleisch, sondern der Geist, der mich schwach macht. Ich arbeite in der Redaktion einer Online-Revue für deutsch-französische Nachwuchswissenschaftler mit, die mir Flüge für die Redaktionssitzungen in Paris bezahlen. Und ich kenne sehr liebe Menschen in Hamburg und Paris, die mir dort eine Unterkunft besorgen, so dass ich nicht auf der Straße schlafen muss. Unter solchen Voraussetzungen nicht gleich ein verlängertes Wochenende oder am besten eine ganze Woche in Paris zu verbringen, wäre Schindluder mit der Freundlichkeit der Welt treiben. Aber sowieso: Für Paris braucht man keine Entschuldigung. Man braucht eine Entschuldigung, nicht in Paris zu sein. Und bei der Gelegenheit kann man auch gleich Champagner trinken und Foie Gras essen und in den Galéries Lafayette diese heißen Lacklederstiefel kaufen, genau zwischen Lady und Killer und trotzdem klassisch, von denen man, ganz ehrlich, schon ein ganzes Leben geträumt hat.

Eines der ersten Worte, die Louise, die Tochter einer meiner Pariser Freundinnen, gesagt hat, war „Ba-Ku“. Das war die Abkürzung für „boire un coup“, ein Glas trinken, und sie war nur zufrieden, wenn sie ihr Wasser im Champagnerglas bekommen hat. À bas les Verhältnisse, vive la Bohème – avec un grand B, bien sûr!


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