RSS Feed

Tod eines Vogels

0

Juli 15, 2013 by moi

20130715

Eine Kurzgeschichte mit Seebestattung

Es ist kurz vor zehn Uhr abends und ich weiß nicht, was ich tun soll mit diesem Sommerabend. Also beschließe ich, meinen Vogel mal wieder zu füttern. Der hat sich noch gar nicht zu Wort gemeldet, seit ich wieder zu Hause bin. Ich schaue in den Vogelkäfig. Rambo?

Auf der Stange sitzt er nicht. Habe ich etwa vergessen, ihn wieder in den Käfig zu locken, nachdem ich ihm seinen Freiflug gegönnt habe? So ein Quatsch, ich habe ihn noch nie in der Wohnung herumfliegen lassen. Immerhin grenzt das den Suchradius ein. Ich untersuche minutiös den Vogelkäfig. Da! Auf dem Boden liegt Rambo, auf dem Rücken, ein Bein angewinkelt, das andere senkrecht in die Luft gestreckt. Er sieht irgendwie steif aus. Du meine Güte, er ist steif. Rambo! Bist du tot? Wie konnte das nur passieren! Ob er Julia vermisst hat? Aber Julia ist schon vor einem halben Jahr gestorben. Vielleicht ist Rambo ja schwer von Begriff. Oder er war erst traumatisiert und hat jetzt, auf dem Weg zur Genesung, der zur vollen Realisierung des Schmerzes geführt hat, Suizid begangen. Wie auch immer, Rambo muss weg. Julia habe ich damals einfach in die Mülltonne gestopft und unter der Tüte mit dem Küchenmüll begraben, aber nach all der Zeit, die Rambo und ich geteilt haben, hat er eine würdigere Beerdigung verdient. Eine Seebestattung! Ich werde Rambo eingedenk unserer gemeinsamen Zeit die Ehre einer Seebestattung zukommen lassen.

Ich stecke meine Hand in eine Plastiktüte, greife so Rambo, drehe die Tüte um und knote den Toten in die Tüte ein. Das habe ich mir von Hundebesitzern abgeguckt, wenn sie den Kot ihrer Tiere von gepflegten Rasenanlagen entfernen. Rambo ist kein Kot. Ich knote die Tüte noch einmal auf, schneide ein paar Blüten des Blumenstraußes auf dem Esstisch ab und bestreue Rambos Leichnam mit den Blumenblättern. Dann nehme ich die Plastiktüte in die Hand und laufe zum Park um die Ecke. Da gibt es einen Weiher. Auf der Straße werfen die Straßenlaternen orangegelbe Lichtkegel auf den Asphalt. Im Park ist es dunkel und ich rutsche fast auf einem benutzten Kondom aus.

Den Weg zum Weiher kenne ich im Schlaf. Als ich noch jünger war, bin ich fast jeden Nachmittag dorthin gelaufen und habe fest geglaubt, es sei ein geheimer Ort, den nur ich kenne. Der Weiher liegt inmitten einer großen Wiese, über der im Sommer eine dicke graue Rauchwolke hängt, weil die ganze Stadt dort ihren Grill aufgeschlagen hat. Ich habe Rambo absichtlich in einer durchsichtigen Plastiktüte eingesargt, damit er noch was sieht von der Welt, bevor er begraben wird. Im Laternenschein war es mir nicht unheimlich, einen toten Vogel herumzutragen, aber hier im dunklen Park habe ich Angst, dass ich mich getäuscht habe, und Rambo ist gar nicht tot, und er bewegt sich und ich kann es nicht sehen, und dann wird er lebendig begraben.

Ich setze mich auf eine der Parkbänke am Weiher. Neben mir sitzt ein Penner mit einer Flasche Billigwodka. Ich bin froh, nicht alleine zu sein. Und so sitze ich da, etwas orientierungslos, mit dem steifen Rambo in einer Plastiktüte. Ich beäuge ihn kritisch, aber ich denke, er ist wirklich tot. Wie geht eigentlich eine Seebestattung? Ich will jetzt erst mal kiffen und krame in meiner Tasche nach Gras. Der Penner dreht sich zu mir.
„Hast du da was zu Essen in der Tüte?“
Ich ziehe Rambo dicht an mich ran.
„Nee. Das ist mein Vogel. Der ist heute gestorben, und ich wollte ihn im Weiher beerdigen.“
Der Penner schweigt. Dann räuspert er sich.
„Hast du ihn gemocht, deinen Vogel?“
Ich denke kurz nach.
„Gemocht – schon irgendwie. Aber wir sind nie so richtig auf eine Ebene gekommen.“
„Ich bin Kurt.“
Ich gebe Kurt die Hand.
„Ich bin die Kati.“
Kurt reicht mir seine Wodkaflasche. Aus Höflichkeit trinke ich einen Schluck und biete ihm einen Zug von meinem Joint an. Kurt lächelt.
„Nein, danke. Dafür bin ich zu alt.“
Kurt, Rambo und ich sitzen nebeneinander im Mondlicht und schweigen.
„Bist du öfter hier, Kurt?“
„Fast jeden Abend. Wieso?“
„Kommen hier viele Leute vorbei, die ihre Tiere begraben?“
„Gelegentlich. Aber eher dahinten.“
Kurt zeigt auf die Büsche neben der Parkbank.
„Ich weiß nicht, wie viele Viecher da schon liegen. Letztens hat einer ein halbverwestes Zwergkaninchen ausgebuddelt, als er ein Loch für seine Katze ausgehoben hat.“
Der Gedanke, hier im Friedhof der Kuscheltiere zu sitzen, berührt mich irgendwie unangenehm. Ich rutsche beklommen auf der Parkbank herum.
„Und was ist mit dem Weiher? Schmeißen die Leute da auch ihre Tiere rein?“
Kurt schüttelt den Kopf.
„Nein. Das hab ich noch nicht erlebt.“
„Der Rambo soll nämlich eine Seebestattung bekommen. Aber ich weiß nicht, wie das geht.“
„Warte mal.“
Kurt müht sich von der Bank auf. Leicht benommen wankt er zu einem niedrigen Baum, der da steht, wo die Kaninchen begraben sind. Er greift ins Geäst, zieht ein leeres Vogelnest heraus und wankt zurück zur Bank.
„Da legen wir deinen Vogel rein. Die Plastiktüte ist so hässlich. Und dann werfen wir ihn ins Wasser.“
„Geht so eine echte Seebestattung?“
„Sicher, mein Mädchen.“

Kurt tätschelt mir die Haare. Als er bemerkt, dass mir die Nähe seines ungepflegten Körpers unangenehm ist, zieht er seine Hand beschämt wieder zurück. Innerlich gebe ich mir dafür eine Ohrfeige. Kurt zieht Rambo behutsam aus der Plastiktüte und legt ihn in das Vogelnest. Die Blumenblätter drapiert er um den Vogelkörper herum.
„Wie willst du ihn bestatten? Sollen wir das Nest ins Wasser schieben und schauen, wohin es treibt, bis es sich vollgesogen hat und untergeht?“
Ich überlege kurz.
„Nein. Rambo hätte einen Abgang mit Schmackes gewollt. Das muss richtig klatschen.“
Kurt reibt sich den Bart.
„Dann müssen wir ihn aber ans Nest binden. Sonst fliegt er raus, bevor er im Wasser landet.“
„Hast du einen Bindfaden da?“
Kurt grinst.
„Ich hab wenig Besitz, aber Bindfaden, den hab ich natürlich.“
Kurt, denke ich bewundernd, ist der MacGyver des Weihers. Er setzt sich wieder auf die Parkbank und zurrt Rambo am Nest fest, während ich mich ihm gegenüber setze und noch eine Tüte drehe.
„So, fertig.“
Hand in Hand schreiten Kurt und ich zum Weiher, in der linken halte ich das Vogelnest, als wäre es ein Böller, den ich in den Neujahrshimmel schmeißen will, während Kurt netterweise meinen Joint hält. Ein letztes Mal gucke ich Rambo in seinem Blumennest an.
„Tschüss, Rambo.“
Kurt richtet sich mit Emphase auf.
„Adieu, Rambo.“

Wie einen Kieselstein, der auf dem Wasser hüpfen soll, werfe ich das Nest in die Luft. Die Blumenblätter fallen und tanzen sich grazil wiegend zur Oberfläche. Dann klatscht das Nest aufs Wasser. Nachdenklich schaue ich auf den Teich und das Mondlicht, dass sich in ihm widerspiegelt, auf den sanft hin- und herwiegenden Glitzer im Wasser. Hin und her wiegt auch Rambo auf seinem Nest. Eine ganze Weile stehen wir so da.
„Ich hab ja eigentlich gedacht, wenn ich so stark werfe, geht er gleich unter.“
„Ja, das hätte ich auch gedacht.“
„Müssen wir wohl warten, bis das Nest sich vollgesogen hat.“
„Ja.“
Ich rauche meine Tüte zu Ende und gucke auf den Weiher. Ein schönes Bild. Nur, ich bin ja hierhergekommen mit einem klaren Ziel. Und Kurt hat bestimmt auch nicht ewig Zeit.
„Wie lange das wohl dauert, bis sich so ein Nest vollgesogen hat?“
„Hm. Keine Ahnung. Hab ja gesagt, ich hab noch nie gesehen, dass einer sein Tier hier im Weiher begraben hätte.“
„Was machen wir, wenn das Nest sich gar nicht vollsaugt?“
„Muss es ja. Kann nur dauern. Hast du noch was vor?“
„Nicht direkt. Aber ich muss morgen zur Arbeit, und es ist schon spät.“
„Wenn du willst, bleibe ich hier und bewache ihn, bis er untergegangen ist.“
„Das ist lieb, Kurt. Aber ich will schon bis zum Ende dabei sein.“
Schweigen. Ich vergrabe meine Hände in den Hosentaschen.
„Meinst du, da kann man was machen, damit das schneller geht?“
„Naja, wahrscheinlich müssen wir einfach das Nest so sehr beschweren, dass es untergeht, auch wenn es noch nicht durchgeweicht ist.“
Kurt beginnt, am Ufer große Kiesel zusammenzusuchen.
„Kurt! Willst du Rambo etwa steinigen?“
„Nicht den Vogel. Ich werf’ die nur auf den Rand vom Nest. Bis es schwer genug ist.
„Na dann.“
Ich sammele auch ein paar Steine. Bald haben wir beide Hände voll. Unschlüssig stehen wir am Wasserrand.
„Na komm, Julia. Machen wir schon. Eins, zwei, drei.“
Kurt wirft den ersten Stein. Er landet tatsächlich auf dem Vogelnest. Ich werfe den nächsten. Knapp daneben. Aber jetzt beginnt es, Spaß zu machen. Mit Eifer bewerfen wir Rambos Grab. Bald sinkt mein kleiner Vogel, die letzte Erinnerung an Juán, ins dunkle Nass hinein. Kurt seufzt.
„Hast du noch ein bisschen Gras? Ich bräuchte jetzt was.“
Wir rauchen noch eine letzte Tüte. Dann gehe ich. Kurt bleibt sitzen. Auf dem Heimweg denke ich an Rambo und Julia und stoße frontal mit dem Knie gegen einen Stromkasten, den ich übersehen habe. Das wird einen tüchtigen blauen Flecken geben. Das ist aber nicht so schlimm. Ich habe immer blaue Flecken, weil es mir bei weitem zu banal und anstrengend ist, Hindernissen auszuweichen.


0 comments »

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>