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To pee or not to pee

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April 4, 2015 by moi

20150403Es ist verboten, hier zu urinieren. 6.000 Francs Strafe. Die Polizei
Dakar, Senegal, 2007

Diese Woche erhielt ich einen erbosten Kommentar. Er bezog sich auf einen Artikel, den ich letztes Jahr über mein Leben in Wilhelmsburg und ein verkorkstes Theaterprojekt dort geschrieben habe. Hauptsächlich ging es dort um Enklavenleben und die Schwierigkeiten der Völkerverständigung, und ganz am Ende gab es einen Satz übers Pinkeln auf öffentlichen Gehwegen. Dieser Satz hat eine mir nicht näher bekannte Dame hochgradig empört:

Wenn du nachts irgendwo auf eine Straße pinkelst, dann zeugt das von einer schlechten Kinderstube, von Arroganz und von Abgestumpftheit. Die Straße ist höchstens für Tiere ein Ort zum Pinkeln, weil diese es nicht anders können und es ihrer Natur entspricht. Für alle anderen sind Straße und Gehweg gemeinschaftlicher Raum, der nicht mutwillig beschädigt werden sollte. Urin aber beschädigt einen Weg oder eine Straße.
Gewisse Regeln gehören eingehalten. Oder findest du es in Ordnung, wenn Menschen in deine Wohnung pissen?
In deinem Versuch originell und subversiv zu wirken, kommst du in meinen Augen großkotzig und banal rüber.

Nun zeugt es ja erstmal nicht von besonders guter Kinderstube, fremde Menschen einfach zu duzen. Trotzdem habe ich mich gewundert, dass dieser Kommentar mich so empörte. Mich empörte, dass er sich ausgerechnet am öffentlichen Pinkeln aufhing.

Ich habe zum öffentlichen Pinkeln tatsächlich ein sehr zärtliches Verhältnis. Als ich ungefähr 16 Jahre alt war, gab es einen jungen Mann, der mich nach der Disko regelmäßig nach Hause brachte, und mir ebenso regelmäßig auf dem Nachhauseweg anbot, ich könne auch bei ihm auf dem Sofa übernachten. Eines Nachts wollte er mir wohl zu verstehen geben, was es mit diesem Sofa auf sich hatte und mich dabei subtil mit seinem Schwanz konfrontieren. Als wir an einer leeren Kreuzung an der roten Ampel standen, wie das ordentliche deutsche Jugendliche halt so tun, zog er die Hosen runter, pinkelte gegen die Ampel und sagte triumphierend: Siehst du, Hanna, das ist einer der vielen Vorteile davon, ein Mann zu sein: Man kann einfach gegen jeden Pfahl pissen. Ich stapfte auf die leere Kreuzung, setzte mich dort in die Hocke und rief ihm zu: Und einer der vielen Vorteile davon, eine Frau zu sein, ist, dass man zum Pinkeln noch nicht mal einen Pfahl braucht.Im Ruhrgebiet geht es einfach etwas deftiger zu. Der junge Mann war nachhaltig beeindruckt. Für mich war das ein wichtiges Erlebnis und Sinnbild gelebter Gleichberechtigung.

Ich gewöhnte mich daran, die Nervenstärke der Jungs, mit denen ich ausging, zu testen, indem ich nachts vor ihnen betrunken auf die Straße pinkelte. Dieser Test wurde, sobald ich nach 70 Fahrstunden, zwei verpatzten praktischen Prüfungen und literweise Tränen endlich einen Führerschein besaß, erweitert, indem ich ihnen auf der Autobahn erzählte, ich würde mich beim Autofahren immer fühlen wie Toad, der kleine Pilz aus Super Mario Kart, der beim Fahren immer Bananenschalen auswerfen und dann rumschlingern würde. Nur wenn der Junge genug Schneid hatte, um nicht blass um die Nase zu werden, ließ ich mich küssen. Da ich nicht nur Feministin bin, sondern auch ein konservatives Mädchen, bin ich bis heute der Meinung, man sollte sich nur von Männern küssen lassen, die Schneid haben und es an Wagemut mit einem aufnehmen können. Mit dem Pinkeln auf Straßen verbinde ich nicht nur Zärtlichkeit und Gleichberechtigung, sondern auch große Romantik.

Das alles kann diese Frau nicht wissen. Um aber auf die Gleichberechtigung zurückzukommen: Wo genau lag jetzt der Empörungsfaktor in diesem einen Satz übers betrunkene Straßenpinkeln? Ich wage die Behauptung aufzustellen, dass die Beschädigung öffentlichen Eigentums nur ein vorgeschobener Grund ist. Ich kenne keine genauen empirischen Untersuchungen, aber die Schäden, die jährlich durch menschlichen Urinfraß in Asphalt verursacht werden, dürften sich in Grenzen halten. Ich behaupte, die Empörung machte sich vornehmlich nicht am öffentlichen Pinkeln fest, sondern am öffentlichen Pinkeln durch eine Frau: Die Vorstellung, dass eine Frau sich bewusst herausnimmt, laut, dreckig und nicht regelkonform zu sein, ist grundfesteerschütternd inakzeptabel. Letztens gab es im Guardian einen klugen Kommentar darüber, wie in den sozialen Medien versucht wird, jede Darstellung von Frauen zu unterbinden, die nicht niedlich und sauber ist. Darüber bin ich sehr erbost. Ich finde, Frauen sollten sehr viel mehr öffentlich pinkeln und grölen, sowohl auf Straßen, als auch im Internet.


1 comment »

  1. Madhavi sagt:

    Bravo, Hannah!!!

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