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Theaterturbulenzen

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Oktober 24, 2013 by moi

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 Nicht im Bild: Der eiserne Vorhang. Foto: Kerstin Schomburg

 

Eine Liebeserklärung ans Deutsche Schauspielhaus

Das Schauspielhaus war mit 19 Jahren für mich ein immens wichtiger Ort, um zu verstehen, das in Hamburg alles anders ist als in Oberhausen. Ich habe dort verstanden, was hanseatische Bürgerlichkeit ist und Formen des Widerstandes dagegen.

Vor dem Verstehen aber kam das Staunen: Mein erster Besuch im Schauspielhaus, Ende 2003, „Der Misanthrop“. Es gab ein tolles Bühnenbild mit knatschfarbenen Kostümen und Plastikblumen, aber ich habe nichts davon mitbekommen. Korinthische Säulen! Verzierte Balkone! Deckenmalerei! Roter Samt, wohin das Auge blickt! Da saß es, das Sozialistentöchterchen, geprägt von der Industriearchitektur, völlig hingerissen vom bürgerlichen Popanz.

Eine weitere wichtige Lektion bestand in der Beobachtung hanseatischer Sitten. 2004, Jürgen Gosch, der zerbrochene Krug. Thomas Dannemann rannte untenrum nackt hin und her und brüllte ganz beachtlich. Mich faszinierte vielmehr, wie gleichmütig beim Rennen seine Genitalien hin- und herbaumelten, einem Hypnosependel gleich. Meine äußerst adrett gekleideten Sitznachbarn teilten meine Faszination indes nicht: Sie standen auf, verließen den Saal, sehr präsent in ihrer Indignation, aber gänzlich unprätentiös. Ich war beeindruckt: Da, wo ich herkam, blieben die Leute sitzen, auch wenn sie es total scheiße finden. Schließlich hatten sie bezahlt und Theaterkarten sind teuer. Ein Hauch von Mondanität und Understatement begleitete dieses Abgang – hamburgische Dialektik. Alle hassten das Schauspielhaus unter Tom Stromberg, es war das böse Schmuddelkind, und dafür habe ich es heiß und innig geliebt.

Dann folgten etwas langweilige Jahre, wenn ich auch meine schönsten Pollesch-Abende immer im Schauspielhaus hatte. Als aber als ein böser Mann mit Fliege dem Haus finanziell den Boden unter den Füßen wegreißen wollte, protestierten die Hamburger, obwohl sie das Theater doch eigentlich scheiße fanden. Aber irgendwie ging bei den Protesten der Intendant verloren. Ich dachte, toll, jetzt gibt es Anarchie, aber dazu kam es leider nicht.

Am 15.11. sollte das Schauspielhaus nach großem Umbau wiedereröffnet werden, alle freuen sich wie bolle auf die siebenstündige Eröffnungsinszenierung von Karin Beier. Und dann kommt gestern diese Pressemitteilung:

Baustellen-Havarie am SchauSpielHaus –
Termin der Wiedereröffnung des SchauSpielHauses offen

Am gestrigen Dienstag kam es am späten Nachmittag auf der Baustelle im Deutschen SchauSpielHaus zu einem folgenschweren Zwischenfall: Der eiserne Schutzvorhang, der den Bühnen- und Zuschauerraum voneinander abgrenzt, ist aus bislang ungeklärter Ursache nach oben geschnellt. Parallel dazu sind die Gegengewichte, die die Fahrt dieses Vorhangs mit steuern, auf den Bühnenboden aufgeprallt und haben diesen teilweise durchschlagen. Aus diesem Grund wurde die Baustelle umgehend gesperrt und gesichert. Durch den Unfall wird die für den
15. November geplante Wiedereröffnung des Großen Hauses nicht zu halten sein.

Das ist echt grausam. Aber irgendwie passt es. Dear Schauspielhaus. Mehr formschöne Verweigerung als du – das geht nicht.


1 comment »

  1. Tobias Winter sagt:

    Ach, der Schrecken – ich hasse den theaterimmanenten Aberglauben – und doch muss man ihn leben (hat jemand über die rechte Schulter gespuckt? Höllle) Nun wird das Schicksal auch noch ironisch und man kann sich noch nicht einmal mehr sicher sein ob es das ernst gemeint hat. Das hätte mal beim Schafott passieren sollen, das Messer rast nach oben und das Gegengewicht zertrümmert den Fuss des Henkers (gab es beim Schafott ein Gegengewicht?). Wenn er nicht so schön pathetisch wäre, sollte man ihn abschaffen und statt dessen eine von diesen Computer gesteuerten Wasserwänden installieren auf denn man etwas schreiben kann:
    “Bitte verlassen Sie den Saal – es brennt …”

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