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Tagebuch vs. Blog

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Dezember 30, 2013 by moi

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Ein häufiges Thema bei Tagebucheinträgen: Penisneid, teilweise kompensierbar durch Silvesterknaller.

 

2013 geht dem Ende zu, wofür ich nicht undankbar bin, und ich greife neben ekstatisch-wahnhaftem Feuerwerkskauf – Böllern ist in meinen Kreisen leider fast so geächtet wie Fleischessen – eine weitere liebgewordene Tradition wieder auf: Die Lektüre meines Tagebuches, gerne mit fettiger Ente vom Thailänder und einer Flasche Riesling, zum Zwecke eines jahresabschließenden Résumées. Früher habe ich auch zusätzlich eine Liste darüber geführt, was ich in dem jeweiligen Jahr besser gemacht habe als das Jahr davor, aber da habe ich noch an Fortschritt geglaubt, das tue ich jetzt nicht mehr. Aber immerhin: Gute Vorsätze werden immer noch gefasst und schriftlich niedergelegt.

Ich schreibe Tagebuch, seit ich 17 Jahre als bin, immer wenn es pressiert, nie mit mehr als einer Woche Lücke. Es ist der einzige Ort, an dem ich mich traue, liederlich mit den Worten umzugehen. Dort gilt: Stream of conscious oder auch: Alles raus, was keine Miete zahlt, scheiß auf Orthographie, vollständigen Satzbau und Eleganz in der Ausdrucksweise: Pfffft. Es ist ein Ort des Nicht-Schreibens, der Halb-Materialisierung von Gedanken, und fünf Jahre später stellt man fest, dass man damals enorm richtige und wichtige davon hatte, aber leider den unwichtigen alle Aufmerksamkeit hat zukommen lassen.

Einmal habe ich ein Tagebuch im Intercity vergessen, das war ein äußerst unangenehmes Gefühl. Da steht nämlich auch sehr schlüpfriges Zeug drin. Das war in Hamburg-Dammtor, das Abteil war leer und endete in Hamburg-Altona. In dem erschreckenden inhärenten Rassismus, den man immer dann feststellt, wenn man gerade keine schlechte Eigenschaft an sich verträgt, habe ich mich damit beruhigt, dass dieses intime Zeugnis meines Lebens sicherlich in die Hand eines analphabetischen oder zumindest der deutschen Sprache nur bruchhaft mächtigen Menschen mit Migrationshintergrund geraten ist, der das Zugabteil aufräumen musste und mein Tagebuch weggeschmissen hat, weil er es für miese Bahnhofsliteratur hielt.

Im Übrigen glaube ich, dass mein Tagebuch für niemanden außer mich Sinn ergeben würde, schon allein des fehlerhaften Satzbaus wegen. Es ist ein Nicht-Sinn für alle außer mich. Wohingegen dieser Blog ein Nicht-Sinn für alle und vor allem für mich ist. Ich habe erst kürzlich ein Gespräch mit einer sehr klugen Freundin und ihrem Herrn Gemahl über Facebook- und Twitter-Kommunikation geführt. Sie konnte nicht verstehen, mit welcher Berechtigung man die Öffentlichkeit sozialer Plattformen als Ort persönlicher Bekenntnisse benutzt. Ich habe gesagt: Es liegt eine große Schönheit und eine große Freundlichkeit in dieser völlig unüberschaubaren Nicht-Kommunikation. Man schmeißt etwas in die Welt und jeder macht etwas daraus und niemand hat eine Ahnung was. Und das teilt man und es wärmt in diesem permanenten Kreisen um sich selbst, ohne damit aufhören zu müssen.

Meinen guten Vorsatz für 2014 verrate ich übrigens nicht, der ist privat und steht nur in meinem Tagebuch. Der gute Vorsatz für den Blog ist: Etwas weniger Selbstreferentialität. Obwohl man vermeinen könnte, dass dann der Sinn eines Blogs an sich seiner selbst beraubt ist.


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