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Stempeln gehen

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August 3, 2016 by moi

20160802Ohne sie ist die schönste Karte nutzlos: Eine formschöne Stempeluhr

 

Neuerdings sagen meine Kollegen immer, sie müssten sich in der Poststelle eine neue Zeitkarte holen und ich frage dann, ob das jetzt das Hipsterwort für die Stempelkarte ist. Als Ruhrpottkind bin ich ja immer dafür, dass man die Dinge beim Namen nennt, und wir, wir stempeln. Als Angestellte im öffentlichen Dienst haben wir eine 39-Stunden-Woche und arbeiten jeden Tag 83 Zeiteinheiten inklusive Mittagspause und damit das alles mit Recht und Ordnung geschieht, stempeln wir uns morgens mit unserer Stempelkarte an der Stempeluhr ein und abends stempeln wir uns wieder aus. Ale jemand, der in allen Lebenslagen pro Dialektik plädiert, finde ich es ganz wunderbar und gar nicht unpassend, an einem Studiengang für digitale Kommunikation mitzuarbeiten und morgens meine Stempelkarte in eine Uhr aus dem Jahr 1961 (geschätzt) zu stecken.

Als man mir bei meinem Einstellungsgespräch die Rahmenbedingungen bezüglich Arbeitszeiten, Urlaubstagen undsoweiter mitteilte, sagte ich: Naja, ich komme aus NV Bühne, für mich kann’s nur besser werden, und ein Mitglied der Einstellungskommission flüsterte ihrer Nachbarin zu Was ist NV Bühne, als handelte es sich hierbei um eine ominöse Sekte. Möglicherweise ist das Theater mitsamt seinen Verträgen ja auch die seltsamste und niedlichste Sekte der Welt.

Eine 39-Stunden-Woche zu haben, war am Anfang eine echte Herausforderung, wenn man tags und nachts am Theater rumgehangen hat. In meinem ersten Monat kam ich mir unglaublich faul vor und schämte mich bis in die Zehenspitzen, bis mir meine Stempelkarte sagte, dass ich immerhin auf zwei Tage Überstunden kam (inklusive Mittagspause). Da fängt man sich schon an zu fragen, was 12 Jahre Kreativprekariat mit einem angerichtet haben, aber über den schleichenden Übergang von Idealismus zu Neoliberalismus haben andere wie zum Beispiel René Pollesch ja schon sehr kluge Sachen geschrieben und kluge Abende gemacht, zu denen ich kein griffiges Snippet auf Youtube finden konnte.

Ich hingegen möchte ein Loblied auf die Stempelkarte singen und auf ihren versteckten Charme. Die Stempeluhr ist ein bisschen wie die deutsche Sprache: Sie bemüht sich, sehr korrekt zu sein, und ist dabei nicht immer sehr elegant. Das kann man belächeln, aber ich schätze die deutsche Sprache sehr für ihren effort, sich verständlich machen zu wollen.

Ähnlich verhält es sich mit der Stempelkarte. Während es ja mittlerweile cool, oder noch viel schlimmer: selbstverständlich geworden ist, nicht vor acht Uhr das Büro zu verlassen, sagt die Stempelkarte: Es ist in Ordnung, 39 Stunden Arbeit zu machen, dafür wirst du bezahlst, und wenn du mehr arbeitest,weil es halt mal sein muss oder du gerade Spaß daran hast, dann nutze die gewonnenen Zeiteinheiten und mache ein verlängertes Wochenende oder nehme einen Gleittag, um für deine Geburtstagsparty ein Buffet vorzubereiten. Das sagt sie natürlich nicht, sondern macht einfach pling und druckt eine Zahl.

Manchmal wünsche ich mir natürlich doch ein bisschen Extravaganz von der Stempelkarte und träume dann davon, dass sie um ihre Zahlen Sachen druckt wie zum Beispiel: Was ist das für 1 Life? Und dann könnte ich daneben schreiben: Unter anderem dank dir, liebe Stempelkarte, eigentlich ein sehr schönes.


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