RSS Feed

Sœurs Sénégalaises

0

Juli 1, 2014 by moi

20140628

Fanta + Hanna 2007, 2012, 2014

 

Vor siebeneinhalb Jahren habe ich einmal ein Praktikum bei einer Tageszeitung im Senegal gemacht. Eigentlich wollte ich nach Algerien, wegen Camus und der Wüste und des Meers und Textpassagen wie:

„Das ist die Sprache Saint-Justs“, sagte der Journalist lächelnd. Rieux sagte, ohne lauter zu werden, das wisse er nicht, aber es sei die Sprache eines der Welt, in der er lebe, überdrüssigen Menschen, der jedoch für seinesgleichen etwas übrig habe und entschlossen sei, was ihn anging, Ungerechtigkeit und Konzessionen abzulehnen.

Aber dann sagte man mir, Algerien sei jetzt nun wirklich zu gefährlich für alleinreisende Mädchen Anfang zwanzig, und jemand anders sagte mir, der Senegal sei ein Land, in dem es relativ sicher für ebensolche sei, und ich nahm mir Andi Möller zum Vorbild: Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien, und so fuhr ich eben in den Senegal anstatt nach Algerien.

Als ich da war, war gerade Präsidentschaftswahl, und ich lernte, dass ‘relativ sicher’ sehr relativ ist, spätestens dann, als ich meine französische Schülermitpraktikantindiplomatentochter durch eine Ansammlung sich mit Macheten bedrohender Demonstranten bugsierte, über die wir eigentlich berichten sollten. Ich lernte auch, wie verzweifelt man sich an seine Muttersprache klammern kann, wenn die Fremde einen heillos überfordert. Außer meiner französischen Lektüre für das nächste Semester hatte ich an deutschsprachiger Lektüre nur eine Anthologie mit österreicherischer Literatur dabei, und die habe ich mir sorgfältig aufgeteilt, damit sie bis zum Ende reicht, und jeden Abend meine zwanzig Seiten verschlungen, als gäbe es kein Morgen. Und ich habe gelernt, wie schnell man an sich selber Rassismen feststellt, wenn die Überforderung durch die Fremde einfach nicht aufhören mag. Plötzlich saß ich mit den anderen deutschen Expats in einem durch einen Elektrozaun abgesperrten Restaurant und beendete meine Erzählung, wie heute schon wieder ein Dutzend wildfremde Männer nicht aufhören wollten, an meine Tür zu klopfen, obwohl ich behauptet hatte, ich sei verheiratet: Und als Rache für jeden Sklaven wird jetzt eine weiße Frau bestiegen? Autsch.

Zum Glück lernte ich dann Fanta kennen. Fanta heißt eigentlich Fatima und spricht Französisch, Spanisch und ungefähr ein halbes Dutzend afrikanischer Sprachen. Sie hat in dem Internetcafé im Erdgeschoss meines Hauses gearbeitet, in dem ich täglich mindestens zwei Stunden saß, um, wenn ich schon keine deutschen Worte um mich hatte, wenigstens deutsche Worte zu produzieren in ellenlangen Emails. Irgendwann lud sie mich zum Essen ein und wir wurden Freundinnen. Wir redeten wenig, und wenn ja, dann hauptsächlich über unsere Ehemänner, von denen wir beide wussten, dass sie nicht existierten, ohne dass das je ausgesprochen wurde. Freiheitsliebende Mädchen im Senegal brauchten einen fiktiven Ehemann, das war einfach so. Wir guckten mexikanische Telenovelas, die durch die Synchronisation nur gewannen, aßen Dorade und Austern am Strand und wenn wir mit dem Taxi nach Hause fuhren, musste ich mich hinter einem Baum verstecken, bis Fanta verhandelt hatte, weil weiße Frauen die Preise verderben. Fanta sagte sehr weise Sachen wie: Hanna, meine geschwätzige blasse Freundin, du denkst zu viel und du läufst zu schnell. Vor allen Dingen läufst du zu schnell.

Es blieben auch noch andere Dinge unausgesprochen zwischen uns, vor allem, dass ich meinem Freiheitsdrang ungleich freier nachgeben konnte als Fanta. Als wir Freunde im Senegal waren, hatte sie gerade das zweite Mal vergeblich versucht, ein Visum für Spanien zu bekommen. Wir waren froh übereinander, aber so richtig nahe kamen wir uns nicht. Als ich fuhr, hatten wir ein paar Jahre keinen Kontakt, wie hält man eine Freundschaft über die Ferne aufrecht, die nicht sprachlastig ist? Dann wurden wir Freundinnen auf Facebook, und ich erfuhr, dass Fanta als Friseurin in Rouen lebte. Ich traute mich nicht zu fragen, wie sie dahingekommen war, und war sehr erleichtert, als sie Bilder davon postete, wie sie zu ihrem Bruder nach Barcelona geflogen war.

20140628_2

In Rouen habe ich Fanta besucht, das war im Januar 2012, und als sie ihre Wohnung aufschloss, fragte ich: Wohnst du eigentlich alleine hier? Sie grinste mich breit an und sagte: Ja, alleine, und als wir in ihrer Küche saß und sie Dorade à la sénégalaise vorsetzte und mir die Gerüche von damals in die Nase stiegen, musste ich lachen und sagte: Fanta, weißt du noch, wie wir damals immer über unsere Ehemänner geredet haben, und wir wussten beide, die gibt es gar nicht? Fanta grinste und sagte: Ja, aber es war besser so. Dann fragte sie: Und, hast du gerade jemanden? Ich sagte: Ja, aber es ist rien de sérieux. Bei mir auch nicht, sagte sie und schüttelte den Kopf. Männer sind bizarr. Ja, sagte ich, völlig bizarr. Niemand versteht die, und wir waren uns plötzlich einig, jenseits der kulturellen Unterschiede und jenseits unserer Möglichkeiten, das zu tun, was wir wollen. Dann sind wir ins Einkaufszentrum von Rouen gefahren, ich habe ihr ein Paar Handschuhe gekauft und sie mir einen Wollschal.

Jetzt war ich gerade wieder bei ihr, nachdem ich über Facebook erfahren habe, dass sie mittlerweile verheiratet ist und in Paris lebt. Wir haben Fußball geguckt und waren im Einkaufszentrum, ich habe ihr eine Bluse im Schlussverkauf geschenkt und sie mir eine pinke Tasche. Aber irgendwie waren wir wieder weiter entfernt voneinander, als wir es in Rouen waren. Erzähl mir alles über deinen Mann, wie habt ihr euch überhaupt kennengelernt, fragte ich, und sie sagte: Er ist ein Freund meines Bruders, er hat uns vorgestellt, dann waren wir sechs Monate zusammen und dann haben wir geheiratet. Er ist nett, und ich wusste schon wieder nicht, ob ich vorurteilsbelastet und pseudo-politisch korrekt bin, weil ich nicht weiterfragen wollte. Aber auch Fanta war so höflich, nicht tiefer in den eher oberflächlich ausfallenden Auskünften über meine Familie zu bohren.

Am letzten Abend waren wir Essen, und ich wollte wissen, ob sie zufrieden ist, verheiratet zu sein. Sie sagte: Naja, es war jetzt das Alter. Man heiratet und kriegt Kinder, so ist das bei uns. Und plötzlich war die Stimmung da, um die Fragen zu stellen, die man sich nicht zu stellen traut, und Fanta kam ins Erzählen. Dass sie in Rouen die beste und schnellste Fußballspielerin der Stadt war, dass sie dort mit einem Franzosen zusammen war, aber ihre Brüder gegen die Heirat waren. Dass sie in Dakar spanische Literatur studiert hatte und in Frankreich extra eine zweijährige Ausbildung zur Friseurin gemacht hatte, um selbstständig arbeiten zu können. Natürlich war es auch bezeichnend, dass sie selber keine indiskreten Fragen über mein Leben stellte oder die Eigenständigkeit meines Lebens in Frage stellte. Aber nachdem sie nächsten Monat ihre Tante in China besucht hat, möchte sie gerne ein Wochenende zu mir nach Hamburg kommen, und darauf freue ich mich sehr.


0 comments »

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>