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Smartphone-Verschwörung

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Februar 10, 2013 by moi

20130211

Dieser junge Mann benutzt ein Handy mit Rubbelkarte
Foto: René Seidel

 

von René Seidel

Zum Einstieg ein Geständnis: Ich habe ein Handy (sic) mit Rubbelkarte. Einmal im Monat 15 Euro aufgeladen und wenn das Geld alle ist, ist auch Schluss mit anrufen oder SMS schreiben. Die Internetfunktion, die gerade so schon vorhanden ist, habe ich nur einmal aktiviert. Vergessen die Tastensperre einzuschalten und weg war die letzte Aufladung.

Natürlich gibt es längst keine Handys mehr – es gibt nur noch Smartphones. Handys holte man aus der Tasche, wenn man eine SMS schreiben oder jemanden anrufen wollte, ansonsten blieben sie versteckt. Einmal im Monat angesteckt zum Laden. Gute alte Zeiten. Im Gegensatz dazu legt man Smartphones teilweise nur noch aus der Hand, wenn man beide Hände für eine andere Tätigkeit benötigt oder gerade duscht. Die aussterbende Gattung Handy, einst der Höhepunkt der technischen Leistungen des Menschen, scheidet dahin. Mit all ihren schönen Tasten, mono-/polyphonen Klingeltönen und Snake als einzigem Handyspiel in damals berauschender Grafik.

Smartphones machen uns den Alltag leichter, unterstützen uns im täglichen Leben und vernetzen uns jederzeit mit Freunden. Sie sind der beste Freund des Menschen geworden, aber es gibt bestimmt auch eine App, in der man seinen virtuellen Hund versorgen muss (Stichwort Tamagotchi). Man weiß immer wo sich ein Freund gerade befindet und kann sich jederzeit verabreden. Vorbei sind die Zeiten, in denen am Abend spontan ein Freund zum gemütlichen Beisammensein vorbeikam. Heute macht man sich vormittags ein Treffen aus und starrt dann am Abend gemeinsam auf das Display, tauscht die neusten Apps oder stöbert auf YouTube. Manchmal sitzt man auch nebeneinander und jeder starrt auf sein eigenes Display – das Ergebnis ist das Gleiche. So sitzt man also da und ist innerlich angespannt, wann denn die nächste Meldung hereinkommt, damit möglichst schnell auf “Gefällt mir” drücken.

Früher ging es nicht um die Erfahrungen, die man im Internet teilt (denn das Internet war kaum geboren), sondern um die Erfahrungen, die man selbst macht und durch die echte Freundschaften entstehen. Kein leichtfertig hinzugefügter Krempel. Geht raus, betrinkt euch, wacht mit Kater auf und erzählt es keinem. Mal etwas Verrücktes machen. Geht am gleichen Abend zu einem Freund vom Vorabend (ihr werdet euch ja nicht alleine betrinken) und versucht euch gemeinsam an den letzten Abend zu erinnern – natürlich ohne Handy – ihr werdet sehen, dass es sich lohnt. Und wenn nicht, wart ihr wenigstens Mal wieder richtig betrunken.

In Bussen und Bahnen sind die Gesichter meist nach unten gerichtet und der Rücken gekrümmt – das Smartphone beeinflusst auch den Körperbau. In der Stadt tritt man in Pfützen oder Hundescheiße, weil man eine Nachricht lesen muss; rennt gegen andere Leute, weil man gerade ein Foto teilt; oder begeht ähnliche Fehltritte, weil man irgendetwas anderes herumgefummelt hat. Was würde denn passieren, wenn man mal einen Tag ohne Smartphone aus dem Haus geht? Nichts. Abends würde man alle Neuigkeiten berichtet bekommen und nach jedem Satz käme die Frage “Hast du das nicht auf Facebook gesehen? Du hast doch ein Smartphone.” Das ist zwar nervig, aber so kann man sich die dringend notwendige menschliche Interaktion einfordern und sie erzwingen.

Wir müssen uns nichts mehr merken, denn unser Smartphone weiß alles. Es sagt uns, wo die nächste Tankstelle oder das nächste Restaurant ist, es gibt Bescheid, wenn wir alle Punkte unser virtuellen Einkaufsliste abgearbeitet haben; es meldet sich, wenn ein Zahnarzttermin ansteht. Der persönliche Sekretär für die Tasche. Menschliche Interaktion gleich null. Das Telefonbuch wird gar nicht mehr abgeholt, oder fliegt direkt in den Müll. Für meine Oma war es noch sein Gewicht in Gold wert. Alle wichtigen Nummern vereint; heute gibt es Google, da findet man auch die Nummern, die man niemals brauchen wird. Kinder werden also immer dümmer, aber immer begabter in der Bedienung mobiler Geräte.

Ein weit verbreitete Plage ist natürlich auch der Missbrauch derartiger Geräte zum Abspielen von Musik, die niemand hören will. Jugendlich, die denken, ihre Musik wäre das Nonplusultra und jeder müsste sie hören, kommen dahergeschlendert, begleitet von Sido, Buschido oder elektronischem Geschrammel. Und das, obwohl eine Buchse für Kopfhörer vorhanden wäre. Vor allem am Morgen, wenn man nur auf den Bus wartet, ist die Lärmbelästigung besonders nervtötend. Vermutlich fühlen sich die Halbstarken dadurch sicherer beim Gang durch die Stadt – ähnlich der Musik in Filmen, wenn der Protagonist zu großen Taten schreitet. Nur das sie in die Schule oder Bier kaufen gehen. Wäre ich reich, hätte ich immer einen Rucksack voller Kopfhörer im Gepäck, die ich an Bedürftige verschenken würde.

Der Missbrauch und die falsche oder zu häufige Verwendung kommen in vielen Formen daher und letztendlich halten sie sich in ihrer Unangemessenheit die Waage. Ich rufe natürlich nicht dazu auf, die Geräte (oder gar die jugendlichen Missbraucher der Lautsprecher-Funktion) auf einem Scheiterhaufen auf dem Marktplatz zu verbrennen, sondern lediglich dazu, sich die Zeit zu nehmen und die anderen Sklaven ihrer Smartphones zu beobachten. Am Ende wird bei jedem die Feststellung eintreten, dass man selbst so nicht enden will. Lautsprecher-Benutzer sollte man in jedem Fall wenigstens anschreien und ihnen das Gerät, notfalls gewaltsam, entwenden. Kleine Schritte helfen schon viel weiter. Weg von einer Gesellschaft, in der in zehn Jahren prophylaktisch jedem Neugeborenen ein Smartphone an die Hand gepappt wird.

Neulich hat mich eine scheinbar Stadtfremde nach dem Weg gefragt. Das muss sich für einen Smartphoner mit Navigations-App seltsam anhören. Wir sind also ein Stück zusammen die Straße entlang gegangen und ich habe ihr den Weg erklärt. Völlig smartphonefrei. Danach sind wir beide glücklich getrennter Wege gegangen. Ein angenehmes zwischenmenschliches Erlebnis ohne Computer-Schnickschnack.

René kommt aus Löbau und hat sich bisher nur zu Urlaubszwecken und zu einem Auslandssemester aus der Stadt entfernt. Er schreibt aus der Freude am Schreiben und am Besten wenn er getrunken hat. Momentan arbeitet er auf seinem Blog an einer Erzählung aus zwanzig Kurzgeschichten; leider weiß noch niemand was mit den Geschichten geschehen soll wenn sie vollzählig sind. Über Leser und Kommentare freut er sich trotzdem.


6 comments »

  1. Christian sagt:

    Lieber René,

    netter Text, doch wie so oft in diversen Medien neigst auch Du hier zur Pauschalisierung. Mitnichten ist jeder, der ein Smartphone besitzt und nutzt, in diese Verhaltensmuster zu pressen! Aber ist verständlich – verkauft sich halt besser :)
    Man könnte auch gegenteilig behaupten, dass solch “notorische Nörgler” einfach Angst vor Veränderung und Neuem haben – sollte man aber auch nicht!
    Ich kenne genug Smartphone-Besitzer, die sich trotzdem weiterhin so verhalten, wie Du es in Deinem Text forderst, die sich auch ohne ihre vorhandene App orientieren und zum Beispiel fragenden Personen leicht Auskunft geben können. Das gleiche könnte ich mit allen Kommentaren von Dir machen. Aber ich gebe auch zu, dass es diese von Dir beschriebene Spezies zur Genüge gibt – leider.
    Aber nicht jeder, der ein Smartphone besitzt und nutzt, ist in die gleiche Sparte zu werfen!

    In diesem Sinne!

    Liebe Grüße

  2. René Seidel sagt:

    Liebe Christin,

    Was wären wir nur ohne Pauschalisierung?

    Ein Text über Menschen, die sich in Belangen “richtig” verhalten, wäre ein ziemlich langweiliger.

    Gleichzeitig ist es immer schwierig in einem Text alle Seiten zu beleuchten, ohne das der Text zu einem Buch wird.

    Daher lasse ich meistens die positive Seite weg und bin mir dann relativ sicher, dass jeder Leser weiß, ob er sich angesprochen fühlen muss oder nicht.

    Ich kenne auch viele Smartphone-Besitzer, die keine Sklaven ihres Gerätes sind.
    Nicht jeder der in Jogginghosen Plastik-Bierflaschen ist ein Arbeitsloser (ich mache das auch selbst relativ häufig), aber durch diese und ähnliche Pauschalisierungen (wie hier im Text) erkennt man Sünder im alltäglichen Leben einfacher.

    Sofern sich die Leser selbst abgrenzen und realistisch einschätzen können, sind Pauschalisierungen angebracht und werden dazu führen, dass man über die vorgestellte Spezies lachen kann, anstatt sich von zu starker Verallgemeinerung angegriffen zu fühlen. :)

    In jedem Fall danke für den einleitenden, wenn auch relativ kurzen, netten Zuspruch. :)

    Viele Grüße,
    René

    • Christian sagt:

      Lieber René,

      mal abgesehen davon, dass es sich bei mir um einen männlichen Vertreter handelt (ich heiße nicht Christin ;) ), ist mir natürlich klar, dass ein Text in einem Blockeintrag schon eher mitreißerisch und originell daherkommen muss, damit er nicht im ganzen Wust untergeht.

      Und es ist ja auch nicht so, dass mir Dein Text nicht gefällt! Wer hat nicht auch schon auf einer Party erlebt, dass auf einmal irgendwelche Smartphone-Besitzer Smalltalk-Lücken mit ihren neuesten Apps oder Videos auf ihrem neuesten Smartphone schließen wollten, anstatt mit eigenen witzigen Stories aus ihrem Leben zu glänzen? In solchen Momenten gehen mir dieselben Gedanken durch den Kopf, die Du schön im Artikel niedergeschrieben hast.

      Zum Thema “Sofern sich die Leser selbst abgrenzen und realistisch einschätzen können” sei nur soviel gesagt: Das setzt natürlich eine gewisse Selbstkritik eines jeden Einzelnen voraus, die bei weitem nicht bei vielen vorhanden ist. Und ist “Realismus” in dieser Selbsteinschätzung nicht dann doch sehr subjektiv geprägt? Wer will sich schon mit dem denunzierten Personenschlag (klingt etwas hart), der im Artikel genannt ist, gleichsetzen?

      Jaaaa ok, sind schon eher philosophische Fragen ;)

      Also schreib ruhig weiter so! Wie gesagt: Gefallen hat er mir trotzdem :)

      Liebe Grüße
      Christian

      • René Seidel sagt:

        Oh Gott Christian,

        Da habe ich den Namen wohl nur leichtfertig überflogen – tut mir Leid.

        Ja, das mit dem Abgrenzen ist so eine Sache. Subjektiv geprägt muss sie sein, dass sie auch der Wahrheit entspricht, will ich schwer hoffen.
        Du hast natürlich Recht, dass sich niemand freiwillig auf die Seite der Unterworfenen stellen möchte – ich kann wiegesagt nur hoffen, dass man wenigstens teilweise eigene Charakterzüge erkennt, an denen man etwas ändern könnte.
        Letztendlich bin ich schon zufrieden, wenn eine handvoll Leser durch einen Beitrag überhaupt zum Nachdenken angeregt werden. :)

        Danke für deine Kommentare und schau ruhig mal in meinem Blog vorbei und kommentiere dort weiter. ;)

        http://www.reneseidel.de

        Bis bald, Christian.

        Viele Grüße,
        René

  3. [...] Hier noch der Link zum Artikel “Die Smartphone-Verschwörung”. [...]

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