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Sehnsuchtsorte

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Mai 9, 2013 by moi

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Gibt es ein Leben nach der Mongolei?……. Aber ja, die westliche Welt hält mich voll und ganz gefangen. Das mailte eine meiner Mitreiterinnen aus der Mongolei, als wir uns vor kurzem schrieben. Wir hatten ausgemacht, dass wir uns nach drei Jahren wiedertreffen würden, damals, heulend am Flughafen von Ulan Bator, bevor wir in die Flugzeuge von Mongolian Airlines bzw. Aeroflot stiegen.

Fast drei Jahre ist es her, dass ich das Ende des Studiums mit drei Wochen Ponyreiten in der Mongolei beging. Ursprünglich sollten es sechs Wochen werden: Mit dem Intercity nach Berlin, mit dem Nachtzug zwei Tage über Polen und Weißrussland nach Moskau, dort eine Woche bleiben, und dann: mit der transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Ulan-Bator in sechs Tagen, um von da aus auf mongolischen Ponies durch die Steppe zu galoppieren. Das hatte eine Schwedin gemacht, die mit mir auf Island Ponyreiten war, als ich 18 Jahre war, und man hätte einem Mädchen, dass umrahmt von vier Autobahnen aufwuchs (links: A3, rechts: A1, oben: A 42, unten: A 40) und nicht wusste, wohin mit ihrem Dostojewski-Überbau, nichts Schöneres erzählen können. Aber dann gab es schlimme Waldbrände in Russland, die durch die Strecke der Transsibirischen Eisenbahn wüteten und bis nach Moskau reichten, bis die Stadt in graue Aschewolken gehüllt war. Also beschloss ich, Russland und ich, das sollte noch nicht sein. Der Bekannte einer Freundin aus Moskau schrieb: It’s a pity you won’t come: You would have learnt a great lesson about russian fatalism, und ich flog direkt nach Ulan Bator.

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Wenn man eine Doktorarbeit schreibt und irgendwann anfängt, vor lauter Denken aus den Ohren zu fiepen und aus der Nase zu bluten, wird es pathetisch und man denkt wieder an die Mongolei, oder jeden anderen Sehnsuchtsort. Die Mongolei ist mehr als vier Mal so groß wie Deutschland und es wohnen drei Millionen Mongolen darin, davon eine Millionen in Ulan-Bator. Ulan-Bator sieht aus wie die Postmoderne, wenn die Postmoderne unschuldig wäre, Nomadenzelte, buddhistische Tempel und Louis-Vuitton-Stores in einer eklektischen Naivität.

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In der Mongolei hatte ich eine große Pferdeliebe. Davon hat man nicht viele im Leben. Meiner war ein kleiner, nervöser, zäher Fuchs, und ich habe ihn Mogli genannt, weil er ein Wolfskind war. Der Mogli und ich waren sehr verliebt ineinander. Wenn er so schnell galoppiert ist, dass er tiefergelegt war – und das konnte er, weil die Steppe überhaupt kein Ende hat, wenn man es nicht will – fing er an zu wackeln, und man musste ihm helfen, seinen Rhythmus wiederzufinden.

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Abends haben meine beiden Mitreiterinnen und ich unsere Zelte aufgeschlagen. Die Mongolen waren amüsiert, dass wir den Platz genutzt und unsere Zelte ganz weit entfernt voneinander aufgeschlagen haben. Die haben sich immer ein Zelt zu dritt geteilt und eigentlich hatten sie recht. Tagsüber wild durch die Gegend galoppieren und abends kuscheln, das ist ein sehr schönes Lebensprinzip. Auf jeden Fall lag ich abends im Zelt und habe Kassetten auf dem Walkman gehört (kein Strom, also Musik nur batteriebetrieben) und habe durch das Fliegennetz in den Himmel geguckt. Da gab es so viele Sternschnuppen, das man irgendwann keine Wünsche mehr übrig hatte.

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Vor allem habe ich drei Wochen lang fast gar nicht gedacht, weil ich die ganze Zeit mit meinem Körper beschäftigt war, der damit beschäftigt war, dass es tagsüber 35 Grad waren und nachts -5 Grad. Ich hatte nur ein Buch mit dabei, die Pensées von Pascal, und da gibt es ein Fragment, das abhanden gekommen ist, es heißt: La nature est corrompue, die Natur ist verdorben.

Pfffffffft. Pascal, mein Freund, du hast keine Ahnung.

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4 comments »

  1. Romanne sagt:

    Schöne klassische Musik und so ein schöner Text von Dir: der bester Anfang ins Wochenende :-)

  2. moi sagt:

    Merci ma belle!

  3. [...] habe längere Zeit nicht upgedatet, das liegt daran, dass ich Wanderreiten war in Transsilvanien. Einmal Pferdemädchen, immer Pferdemädchen. Wenn man dreieinhalb Jahre durchgedacht hat, um eine Doktorarbeit zu schreiben, und irgendwann [...]

  4. [...] sind ein bisschen wie Ulan Bator und die Ponies in der Mongolei, sie verweigern sich Erwartungshaltungen und sind doch archaisch, [...]

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