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Sechs Stunden Seltsamkeit

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Dezember 8, 2013 by moi

20131209Foto: C Goldmann

So mancher Besucher verträgt die Performances von Signa nicht so wirklich gut: „In Schweden haben wir ein Lager aufgebaut, zu dem wirklich sehr viele schräge Menschen gekommen sind. Ein Typ wollte immer Wodka haben und als er den nicht bekommen hat, hat er eine Flasche Parfum ausgetrunken. Wir waren nicht sicher, wie wir mit ihm umgehen sollen. In dem Stück haben wir immer wieder ein Grab ausgehoben, und irgendwann hat er gesagt: ‘Ich helfe euch’. Er ist in einen der Wohnwagen gegangen, hat zwei Messer herausgeholt und hat in dieser Grube wie ein Berserker mit diesen Messern das Grab ausgehoben, bis er nass und schwarz war“, erzählt Signa Köstler, Namensgeberin des in Kopenhagen ansässigen Kollektivs Signa mit wirklich ganz besonders bezauberndem dänischen Akzent.

Vorweg sei gesagt: Ich bin entschiedene Gegnerin von partizipativem Theater. Im besten Fall kommt es einer Entwürdigung und im schlimmsten Fall einer Misshandlung gleich. Es gibt gute Gründe, warum Schauspieler sich exponieren wollen und ebenso gute, warum ich mich zutiefst unwohl fühle, wenn mir Menschen, die ich nicht kenne, dabei zusehen, wie ich Dinge tue. Das ist die Furcht vorm Sartre’schen Objektivierungstelos, oder einfach eine gewisse Grundverschrecktheit.

Aber bei Signa ist das irgendwie anders. Womöglich liegt es daran, dass man keine Rolle zugeteilt bekommt, sondern einfach durch ihre bedrohlich-zauberhaften Welten läuft und Fragen stellt, die man sonst nicht stellen kann. In „Schwarze Augen, Maria“ haben sie ein ehemaliges Mädchengymnasium in Hamburg-Wandsbek in ein betreutes Wohnheim für Familien verwandelt, die nach einem geheimnisvollen Autounfall Kinder mit schwarzen Augen und außergewöhnlicher Sensibilität geboren haben. Gut zwei Dutzend Schauspieler ‘bewohnen’ das Heim, und man läuft gut sechs Stunden herum, durch eine traurige, seltsame und sehr menschliche Welt, in der die jetzt 20-jährigen ‘Kinder’ aus alten Kinderbadewannen Nester bauen und einem Zöpfe flechten, mit denen man auch Schwingungen empfangen soll. Man versucht herauszufinden, welche Geschichte sie zu erzählen haben, und merkt, wie die eigenen Maßstäbe an Normalität und Andersartigkeit aufweichen. Dass man selber Zuschauer ist und die Bewohner des Heimes eigentlich Schauspieler, wird sehr schnell egal.

Signa haben extremere Performances gemacht, über sexuelle Ausbeutung und Menschenhandel, bei denen die Zuschauer aufgefordert wurden, die Schauspieler zu schlagen oder zu küssen. „Schwarze Augen, Maria“ ist dagegen vergleichsweise leise. Aber gerade weil der Bruch zwischen der eigenen Welt und der, in die man da eintaucht, nicht so unglaublich groß ist, nimmt man diese seltsame, bezaubernde und sehr besondere Performance nachhaltig mit ins eigene Leben und in den eigenen Körper.

Geht alle dahin!

Und nochmal Werbung in eigener Sache: l’Antitude ist jetzt auch bei Twitter!


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