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Schimanski Forever

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Juli 4, 2016 by moi

20160704Niemand trug so formschön Ganzkörperdemin. Foto: WDR

 

Vermutlich liegt es schlicht und ergreifend daran, dass man selber älter wird, aber dieses Jahr scheinen die Guten wegzusterben wie die Fliegen: David Bowie, Muhammad Ali, und jetzt auch noch Götz George. Götz George hat in anspruchsvollen, großartigen Filmen mitgespielt: Er hat seinen Vater in „George“ gespielt, in „Rossini“ und in „Das Schwein – Eine deutsche Karriere“, aber Götz George hat auch eine ganz besonders anspruchsvolle, großartige Rolle gespielt, und das ist Horst Schimanski. Horst Schimanski wurde im Jahr 1981 in „Tatort – Duisburg Ruhrort“ in die deutsche Fernsehanstalt eingeführt als Mensch, der zum Frühstück rohe Eier trinkt. Im Gegenzug hat Horst Schimanski in die deutsche Fernsehlandschaft das Wort „Scheiße“ eingeführt. Ich werde niemandem erklären, wer Horst Schimanski ist, denn wer Horst Schimanski nicht kennt, hat seine Daseinsberechtigung verwirkt, zumindest außerhalb des Ruhrgebiets.

In diesen Tagen haben ja viele Menschen Angst vor der mangelnden Integrationsbereitschaft von Migranten, und da kann man immer Horst Schimanski anführen, der seinen polnischen Nachnamen assimiliert hat und dann auch noch dem deutschen Staat dient, um Recht und Ordnung zu schaffen, wenn auch auf seine Art und Weise. Horst Schimanski ist das männliche Role Model meiner Jugend, und bis heute bin ich anfällig für Männer, die Schnauzbart tragen. Beeindruckender als die Schimanski-Jacke fand ich dabei übrigens seinen Hang zum Ganzkörper-Denim.

Ich empfinde diese Schwäche für Horst Schimanski durchaus nicht als Widerspruch zu meiner feministischen Grundhaltung. Ja ja, Macho, Prollo-Sprüche, möglicherweise auch nicht das hellste Licht auf der Kerze. Aber Horst Schimanski ist bauernschlau, aufrichtig, und er hat mindestens genauso oft auf die Fresse bekommen wie er irgendjemandem auf die Fresse gegeben hat. Kleine Kinder im Ruhrgebiet lernten von Horst Schimanski: Wer pöbelt, hat Recht. Und ist auf der Seite der Guten: In „Duisburg-Ruhrort“ wurde der Hafenarbeiter Petschek nicht ermordet, weil die Hafenarbeiter ihre Sauf- und Frauengeschichten nicht im Griff hatten, sondern weil der Trotski-Leser (Petschek, um Gottes Willen nicht Horst Schimanski!) üblen kapitalistischem Machenschaften im Duisburger Hafen auf der Spur war. Schimanski hat das gleich geahnt.

Die Stadt Duisburg hat zunächst auch immer wieder mal gegen Schimanski gepöbelt, weil die Krimis die Stadt in schlechtes Licht rücken würden, brennende Mülltonnen und so. Darüber las ich als Kind mal einen Artikel in der Neuen Ruhr Zeitung und war schwer irritiert: Warum beschwert man sich darüber, dass im Fernsehen etwas aussieht, wie es in Wirklichkeit ist? Damals wusste ich noch nicht, was PR ist.

Später pendelte ich tatsächlich mal sechs Wochen lang in Schimmis Heimat, als Praktikantin der Lokalredaktion Duisburg der Rheinischen Post, wo ich in den Untiefen des Sommerlochs über Dackelzüchtervereine schrieb oder investigative Umfragen zu den Mafia-Morden von Duisburg durchführte („Haben Sie Angst, dass Duisburg das neue Neapel wird?“). Einmal wurde ich dort nach Feierabend am Imbiss von einem jungen Mann angemacht, der auf die panierten Schnitzel in der Auslage zeigte und sagte: „Hömma, Kleine. Du bist ja nen Filletstück. Sowatt wie datt da.“ Es war leider nicht Horst Schimanski. Der stand an einem anderem Imbiss und erzählte Thanner von seiner schweren Kindheit, um sich ein paar Pommes zu erschleichen.


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