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Sartre vs. Macarons

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Januar 12, 2013 by moi

20130112Scheiß auf den Existenzialismus:
Das Beste an St-Germain-de-Près sind die Macarons

Wenn das Dasein irgendwo einen Sinn hat, dann in der Ladurée-Filiale in der Rue Bonaparte. Kurz vor der Metro-Station Saint-Germain-de-Près wird man schon ganz aufgeregt und tritt den genervten Parisern auf ihre sorgsam lackierten Schuhe. Die Macarons von Ladurée sind die besten der Welt. Pausbäckige Menschen fühlen sich aufgrund der großen physiognomischen Ähnlichkeit ganz besonders zu Macarons hingezogen.

Macarons muss man ganz behutsam anfassen, sonst zerbricht der Baiserboden oder die Ganache läuft heraus. Beißt man in ein Macaron, bricht das Baiser seinen Widerstand und die Welt erstrahlt in neuem Glanz, mit dem Geschmack von Zitrone, gesalzenem Karamell, Pistazie oder Cassis. Da kann Sartre sich das Pfeifchen noch so schräg in den Mundwinkel schieben und irgendwas von transzendierter Transzendenz palavern: Die Frage, ob es jenseits der sinnlichen Erfahrung noch etwas zu überschreiten gibt, verpufft mit dem Verzehr eines Macarons unverzüglich. Macarons sind orgiastisch. Das ist nicht metaphorisch gemeint.

Die Ladurée-Filiale von St.-Germain-de-Près ist derartig vollendet formschön, dass sie extra in die Rue Bonaparte gebaut wurde, das geschah auf Anweisung von Napoleon hin. Es ist verboten, im Laden zu fotografieren, denn sonst verfallen die Macarons zu buntem Sternenstaub, was zwar sehr hübsch ist, aber auch unpraktisch, weil man sie dann nicht mehr aufessen kann. Die bunten Schächtelchen, in denen sie aufbewahrt werden, heißen „Prestige“ oder „Arabesques“, und sie beschützen die Macarons, wenn man sich auf den Weg macht, um auf Redaktionssitzungen über den Gender- bzw. Sexismusaspekt der Tierrechtsbewegung zu diskutieren und über den Bedeutungsunterschied von „Sodomie“ im Französischen und im Deutschen nachhaltig zu kichern.

Es ist Sartres großes Unglück gewesen, dass es in den 50er-Jahren noch keine Ladurée-Filiale in St.-Germain-de-Près gab. Ihm wäre sehr viel Kopfzerbrechen erspart geblieben. Wenn die Transzendenz dann doch noch transzendiert, die Welt unter- oder wieder aufgeht, ist der beste Ort, dem beizuwohnen, der pastellfarbene Teesalon von Ladurée, bei einem Glas hauseigenen Rosé-Champagner, einem Himbeer- und einem Lakritzmacaron.


1 comment »

  1. Anna sagt:

    Habe mich sehr über Deinen Text gefreut. Ich bin auch Macarons verfallen, war aber leider noch nicht in der von Dir so schön beschriebenen Ladurée Filiale in Paris. Viele Grüße von Deiner Cousine, Anna ;-)

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