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Die Rasenden

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Januar 17, 2014 by moi

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Foto: Klaus Lefebvre

Diskurse in die Stadt bringen

Nach der großen Katastrophe feiert Karin Beiers Antikenprojekt „Die Rasenden“ am 18.1. endlich Premiere. Die Schauspielhaus-Intendantin plädiert für politisches Theater ohne den Zwang, als Künstler Mehrwert erzeugen zu müssen

 

In Ihrem Antikenprojekt „Die Rasenden“ verweben Sie „Iphigenie“ und „Die Troerinnen“ von Euripides, die „Orestie“ von Aischylos und „Elektra“ von Hugo von Hofmannsthal miteinander. Was interessiert Sie an diesem Mythos?

Karin Beier: Der Stoff kreist um die Verknüpfung von Religion und Politik. Er erzählt von einer Umbruchssituation, in der es eine große Sehnsucht nach dem Absoluten gibt und gleichzeitig dessen Infragestellung. Die Figuren der Antike betrachten sich häufig als Spielball schwer verstehbarer Götter, parallel wird aber die Krise der religiösen Fundierung politischer Entscheidungen erzählt und die Verantwortung des Menschen diskutiert, der sich von der Götterwelt befreien will. Der mythische Rahmen wird einerseits zerschlagen oder in Frage gestellt, andererseits wird sich auf ihn berufen. Das finde ich sehr spannend.

Mit den „Troerinnen“ haben Sie sich schon aus Köln verabschiedet.

Das war eine pragmatische Entscheidung. Ich habe dieses Antikenprojekt auch gewählt, weil ich in Hamburg das Ensemble – oder zumindest einen Teil davon – im Kontext von großen Stoffen und „saftigen“ Figuren vorstellen will. Und da man fünf Stücke nicht in drei Monaten proben kann, habe ich die „Troerinnen“ in Köln zielgerichtet im Hinblick auf die „Rasenden“ inszeniert. Das war der Egoismus der frischgebackenen Intendantin, wenn Sie so wollen.

Warum haben Sie mit Hofmannsthals „Elektra“ auch eine moderne Bearbeitung des Mythos‘ mit aufgenommen?

In den Choephoren, dem zweiten Teil der Orestie-Trilogie, hat die Figur der Elektra eine sehr passive Rolle. Bei Hofmannsthal ist sie eine viel aktivere Täterin, deren Besessenheit ich sehr mag. Dieser expressionistische Text hat in seinen schwülen, dampfenden Bildern und seiner teils kranken erotischen Aufladung eine ganz große Qualität. Wir verweben aber die einzelnen Stücke miteinander, die Figur des Orest wird zum Teil auch in der „Elektra“ Verse von Aischylos sprechen.

Bei den „Rasenden“ arbeiten Sie mit dem Ensemble Resonanz zusammen. Ihre Arbeiten sind häufig sehr musikalisch geprägt, Sie waren auch als Opernregisseurin tätig. Was kann Musik dem Sprechtheater geben?

Musik ist ein Mittel, das die Seele direkt angreift und weniger an die Vernunft appelliert – aber das ist stating the obvious. Man kann mit Musik eine Stimmung direkt beeinflussen. Ich arbeite bei Proben immer mit Live-Musikern, weil ich so die Schauspieler auch im Zustand des Vagen abholen kann. Meistens kommen wir in den Proben schneller zu Ergebnissen, wenn wir die irrationalen Kräfte nutzen, die die Musik auslöst, anstatt uns auf den Intellekt zu berufen. Am Ende schmeiße ich aber die Hälfte davon wieder heraus.

Die Erwartungen an Ihre Intendanz am Schauspielhaus sind extrem hoch. Wie gehen Sie damit um?

Eine gewisse Überforderung bringt einen dazu, über sich selbst hinauszuwachsen. Man hat nur nicht immer unter Kontrolle, wann die Überforderung einen in die Knie zwingt. Den Druck der Öffentlichkeit klammere ich während der Proben bewusst aus, ich lese auch nicht viel Presse. Bei der Eröffnung in Köln war die Situation ähnlich. Da hatte das Haus vorher auch kein prägnantes künstlerisches Profil, und es wurden unglaublich hohe Erwartungen auf mich projiziert. Vor der Premiere werde ich aber natürlich grün im Gesicht sein.

Sie sind bekannt für Ihren Anspruch an die politische Relevanz des Theaters. Was macht für Sie ein Stadttheater aus?

Das Theater kann einen Diskurs anregen. Man kann Themen sinnlich anstoßen und so anders erlebbar machen. Die Politisierung des Theaters hat sich in den letzten zehn Jahren noch einmal neu entwickelt. Ich würde sagen, jedes ernstzunehmende Stadttheater muss sich politisch aufstellen und wirklich Theater für die Stadt machen. Dabei haben wir vor allem auch die Möglichkeit, politisch inkorrekte Haltungen anzunehmen, um einen unbequemen Diskurs in die Stadt zu bringen – ohne dabei Lösungen anzubieten. Wir führen zum Beispiel im Mai 2014 Jean Genets „Neger“ auf – der Titel hat uns schon einige erboste Zuschriften beschert.

Haben Sie für das neue Schauspielhaus-Logo mit dem Deutschland-„D“ auch negative Reaktionen erhalten?

Nein, das Logo ist im Großen und Ganzen recht positiv aufgenommen worden. Wir wollen damit fragen, was Deutschland heute ist. Und das ist sicherlich nicht mehr das Deutschland zur Gründungszeit des Schauspielhauses, sondern das internationale Deutschland, das wir in unseren Medien und in den künstlerischen Arbeiten zeigen.

Stadttheater heißt für Sie dabei auch immer internationales Theater.

In Hamburg beschäftigt man sich automatisch mit Internationalität und einer multiethnischen Bevölkerung, obwohl das in manchen Köpfen immer noch nicht so richtig angekommen ist. Die Auseinandersetzung mit dem Fremden und dem Anderen ist ein Grundthema dieser Stadt. Das hat uns dazu inspiriert, jemanden wie William Kentridge einzuladen, der in „Drawing Lessons“ aus seiner Perspektive eines weißen Juden in Südafrika seine Lebensphilosophie präsentiert. Das kann sich aber auch in konkreter Stadtteilarbeit und -recherche wie dem Projekt „New Hamburg“ äußern, wo wir an einer Außenspielstätte ein Hamburg gründen wollen, das den Anforderungen und Chancen der Einwanderungsgesellschaft offen begegnet.

Verstehen Sie „New Hamburg“ auch als Versuch, nicht-bürgerlichen Schichten das Theater zu erschließen?

Was diese Frage betrifft, kann ich nur sagen: Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust. Einerseits hoffe ich natürlich, dass ein solches Projekt noch einmal andere Zuschauer auf uns aufmerksam macht. Aber von der Politik oder Menschen, die uns Geld geben, kommt oftmals die Frage: Was macht ihr denn außer Kunst sonst noch? Es wird damit der Anspruch nach einem sozialen Mehrwert gestellt. Ich finde diesen Anspruch, ehrlich gesagt, nicht legitim. Unsere Berufung ist es, natürlich immer mit einem politischen Bewusstsein, Kunst zu machen. Wenn wir darin gut sind, hat das auch eine gesellschaftliche Relevanz. Die Maxime, Mehrwert zu erzeugen, und sei es sozialer, betrachte ich in der künstlerischen Arbeit als sehr problematisch.

Ein internationales Hamburg-Projekt wurde schon im Juli in Brasilien voraufgeführt: „Pfeffersäcke im Zuckerland“ ist dokumentarisches Theater über die Nachfolger der Auswanderer des „Hamburger Kolonisations-Verein von 1849“, die sich auch in sechster Generation in Brasilien immer noch sehr deutsch fühlen.

Wir wollten nach Hamburg kommen und uns sehr sensibel und behutsam an diese Stadt heranpirschen. Deswegen haben wir uns entschlossen, uns der Stadt über die Historie anzunähern. Der Reichtum Hamburgs gründet sich auf dem Handel, und das hat sowohl mit der Kolonialzeit als auch der Globalisierung zu tun. Ein Thema wie der Hamburger Kolonisations-Verein geht weit über die Stadt hinaus, dort wird ein grundsätzliches Thema unserer Gesellschaft verhandelt.

Auch wenn Sie sich an Hamburg erst einmal herantasten wollen: Was finden Sie bisher besonders auffällig?

Ich merke auf der einen Seite eine sehr starke Veräußerung basisdemokratischen Bewusstseins, und auf der anderen Seite das genaue Gegenteil, einen ausgeprägten Elitarismus. Bürger, die ein Theater gründen, aber eine Schulreform nicht durchsetzen: Das ist eine sehr interessante Diskrepanz. Außerdem finde ich die Autofahrer enorm aggressiv. Zum Bild des vornehmen und zurückhaltenden Hanseaten passt das nicht…

Karin Beier (*1965) hat zur Spielzeit 2013/2014 die Intendanz des Deutschen Schauspielhauses übernommen, wo sie auch als Regisseurin arbeitet. Mit 21 Jahren begründete sie die internationale Theatergruppe „Countercheck Quarrelsome“ mit, die ausschließlich Shakespeare in Originalsprache zeigte. Ihre erste Intendanz trat sie am Schauspiel Köln (2007-2013) an. Unter ihrer Leitung avancierte das zuvor kaum beachtete Theater zu einer der erfolgreichsten Bühnen Deutschlands, Beier machte sich außerdem als engagierte Kämpferin für die Kulturpolitik einen Namen und verhinderte den Abriss des denkmalgeschützten Gebäudes. Karin Beier ist mit dem Schauspieler Michael Wittenborn verheiratet und hat eine Tochter.

Interview: Hanna Klimpe, erschienen in SZENE HAMBURG 11/2013

 


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