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Paris, ma capricieuse

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März 27, 2014 by moi

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Paris, Montparnasse. Suche den Fehler.

 

Paris und ich haben ein sehr besonderes Verhältnis miteinander. Deswegen handelt auch mindestens jeder fünfte Blogeintrag von Paris. Mindestens.

Mein eigentlicher Frankreich-Hafen ist Bordeaux. Da bin ich mit 21 Jahren hin, als blasse, schwarzhaarige Vegetarierin, die das Sonnenlicht vulgär fand. Zurück kam ich als blonde, propere Carnivorin und wusste: Weltschmerz kann nicht alles sein. Bordeaux war, am Marché des Capucins bis vier Uhr morgens tanzen und dann Katerfrühstück mit Austern und Weißwein auf einer Bierbank in den Markthallen zu halten. Bordeaux gehörte mir. Ich nehme mir seit neun Jahren vor, mal wieder dorthin zu fahren, aber geheime Kräfte halten mich davon ab.

Paris hingegen ist seit sechs Jahren ein merkwürdiges Faszinosum, halb vertraut, halb Abenteuerspielplatz, eine Stadt, der ich mich sehr sukzessive angenähert habe und die sich jeder Vereinnahmung entzieht. Ich war zwei Mal einen Monat dort, einmal, um ein Praktikum bei Courrier International zu machen, einmal, um dort zu arbeiten. Seit zwei Jahren bin ich fünf Mal im Jahr für ein paar Tage dort, für die Redaktionssitzungen von Trajectoires, für die Doktorarbeit, für die Museen, die Theater, die Seine, die Freunde und den Champagner. Es gab ziemliche Scheißzeiten – eigentlich das gesamte Jahr 2013 – die ich, davon bin ich fest überzeugt, ohne Paris nicht überstanden hätte. Lange dachte ich, dort könnte nie etwas Böses passieren. In Paris ist immer viel Überraschendes passiert.

Als ich heute morgen, nachdem ich die Tochter meiner Freunde zur Schule gebracht habe, am äußersten Rand des 15. Arrondissements entlangspazierte und darauf wartete, dass der Monoprix aufmacht, blickte ich plötzlich in einem Park inmitten der Seine auf die Freiheitsstatue. Und da freute ich mich, dass ich diese ganzen vermeintlich unspektakulären Ecken in Paris kenne, wo meine Freunde wohnen, die mich beherbergen. Es gibt absolut keinen Grund, in diese hinterste Ecke von Montparnasse zu fahren. Aber dort gibt es Supermärkte, die zwei Flaschen Champagner zum Preis von einem anbieten, auf einem verdreckten Plakat am Eingang, direkt neben der Waschmittelwerbung.

Und gestern in einem völlig unscheinbaren Sushi-Restaurant (wir entschieden uns gegen Foie-Gras-Maki) wurden wir Zeuge einer veritablen Godard-Szene. Ein halbverlotterter Herr mittleren Alters, der einzige Gast außer uns, sprach plötzlich aus dem Nichts:

Le prochain maire sera certainement une femme. Il y a le choix entre deux. L’une, je la déteste, l’autre, je ne l’aime pas. Mais à la fin, je pense que je préférai la blonde.

Der nächste Bürgermeister wird mit Sicherheit eine Frau. Zwei stehen zur Wahl. Die eine hasse ich und die andere mag ich nicht. Aber letztlich, denke ich, ziehe ich die Blonde vor.

Dann trank er sein Bier aus und verließ das Restaurant. Offensichtlich beschäftigten die Kommunalwahlen ihn sehr. Aber hätte er sich für seine Rede nicht einen Ort mit mehr Publikum suchen können?

Ich glaube, ich mag Paris, weil es mit großer Selbstverständlichkeit kapriziös ist. Ich will, dass kapriziös das neue unprätentiös wird und alle so werden wie Paris. Ja.


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