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Oversharing Paris

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Juli 22, 2015 by moi

20150722“Nice Shot, but the girl looks kinda scary.” Foto: Matthias Schneider

 

Es gab schon sehr viele Blogeinträge über Paris, das kommt daher, weil ich Paris wirklich sehr liebe und außerdem dreieinhalb Jahre dort und hier in Hamburg promoviert habe. Nach Paris nehme ich nur Menschen mit, die ich wirklich sehr gerne habe. Ich war mit Fabian Hart dort, dem besten besten Freund, den es nur gibt auf der Welt. Mit dem bin ich durch die Straßen und Museen von Paris gestreift, bis ich blutige Füße hatte, weil sich mein durch hohe Absätze kompensierter Napoleon-Komplex in Frankreich noch einmal um einiges verstärkt.

Wir haben sehr viele Fotos auf Facebook und Instagram gepostet in diesen fünf Tagen: Vorm Louvre, vor der Fondation Louis Vuitton, beim Champagnertrinken, beim nächtlichen Flanieren durchs Marais, beim Kettenkarussellfahren in den Tuileries. Irgendwann sagte Fabian: Ich habe das Gefühl, wir sind so ein bisschen oversharing. Dann haben wir uns darüber unterhalten, dass es eigentlich ein Unding ist, dass wir als Feministen eine Unterhaltung darüber führen, ob es zu offensiv ist, ein Foto zu posten, auf dem man auf dem Bett liest, weil das Kleid kurz ist und die Beine nicht überschlagen sind – als ob irgendein Mann Hemmungen hätte, ein Foto von sich zu posten, wie er breitbeinig irgendwo sitzt, als ob man da mehr Prekäres sehen würde als auf diesem Schnappschuss in einem reizenden Appartement hoch über den Dächern des Bastille-Viertels. Es ist nicht ganz einfach mit dem richtigen Leben im falschen.

Der Schriftsteller, Journalist und Literaturtheoretiker Maurice Blanchot hat geschrieben, das Wesen des Fotos liege darin, ganz außen zu sein, ohne Intimität, und dennoch unzugänglicher und rätselhafter als die innere Vorstellung; ohne Bedeutung, doch zugleich eine Herausforderung der Unergründlichkeit jeden möglichen Sinns; verborgen und doch offenbar, von jener Anwesenheit-Abwesenheit, die die Verlockung und Faszination der Sirenen ausmacht.

Ich hoffe, damit hat sich die ewige und todlangweilige Frage erübrigt, wo der Reiz daran liegt, auf Facebook sein Essen, seine Museumsbesuche oder seine Leseposen auszustellen und ob man damit nicht zu viel von sich preisgeben würde. Sowieso: Oversharing ist wie Overdressed ein Wort für Langweiler, die willens und fähig sind, Maß zu halten. Paris ist nicht die Stadt fürs Maßhalten, was einer von 1.000.000 Gründen ist, diese Stadt so sehr zu lieben. In Paris hängen in Hinterhöfen Mahnschreiben, die nicht dazu auffordern, den Müll endlich wegzuräumen. Da steht: Madame, die Zigarettenstummel, die Sie aus dem Fenster werfen, brennen Löcher in die Markise unserer Austernbar. Merci de faire le nécessaire afin de mettre un terme à ces incivilités.

 


2 comments »

  1. Fabian sagt:

    Oversharing ist wie Overdressed ein Wort für Langweiler, die willens und fähig sind, Maß zu halten ❤️

  2. Sehr schön geschrieben. Da muss sich die Dame an der Seite nicht schämen :)
    Noch viel Spaß beim Champagner-”Saufen” – hilft gegen blutige Füße.

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