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Mit Fuck Off in die Hölle

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Januar 24, 2013 by moi

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Foto: Armin Smailovic
Schauspieler Sebastian Zimmler gibt seinen Figuren gerne etwas Gequält-Neurotisches. In Antú Romero Nunes’ Inszenierung von „Don Giovanni. Die letzte Party“, die am 25. Januar im Thalia Theater Premiere feiert, spielt er jetzt den Verführer par excellence

 

L’Antitude: Mit Don Giovanni verbindet man sofort den Archetyp des Verführers, dabei ist die Figur sehr unterschiedlich interpretiert worden: Als Zyniker, als Wahrheitssuchender, als Fall für den Psychoanalytiker. Wie geht man damit als Schauspieler um?
Sebastian Zimmler: Als Grundlage haben wir das Libretto von da Ponte. Das Interessante daran ist, dass zwar davon die Rede ist, wie Don Giovanni 2.000 Frauen verführt hat, ihm aber bei Einsatz der Handlung kein einziger Stich mehr gelingen will: Ständig taucht irgendein Vater oder eine Verschmähte auf, die ihm in die Karten fährt. Ich habe auch andere Bearbeitungen des Mythos gelesen, wie Max Frischs „Don Juan oder die Liebe zur Geometrie“ oder die zeitgenössische Interpretation von Hanns-Josef Ortheil. Letztlich muss man Don Giovanni sowieso total neu erfinden. Nichts anderes haben Mozart und da Ponte gemacht.

Die Sprache und Handlungsführung der Oper ist sehr pathosbeladen. Wie werdet ihr in eurer Theaterfassung damit umgehen?
Das Verhältnis von Sprache und Musik ist tatsächlich eine Frage, die uns sehr beschäftigt, zumal ich überhaupt kein guter Sänger bin. Oper erklärt sich einfach eher über Musik und nicht primär über Text. Gerade wenn es um Verführung geht, schafft Musik viel mehr Kraft und Sinnlichkeit als Sprache. Das Libretto liest sich ohne die Musik wie die Sprechblasen einer höfischen Bravo. Wir haben aber auch einen Musiker, Johannes Hofmann, und eine Live-Band, die die Musik für die Theaterbühne und die heutige Zeit übersetzen werden. Vielleicht wird aus dem Opern-Pathos ein Rock-Pathos.

Was macht für dich die Figur des Don Giovanni aus?
Don Giovanni ist jemand, der die Sicherheiten, die die Menschen in Sachen Liebe aufbauen, absolut und komplett zerstören möchte. Er ist ist insofern ein Spiegel dafür, dass es nichts Ewiges gibt, und auch keine ewige Treue. Dabei hat die Figur damals vermutlich stärker gewirkt als heute. So wie die Liebe in Zeiten des Kapitalismus aussieht, gibt es ja tausende Don Giovannis. 2.000 Frauen kann man zum Beispiel über Internetforen relativ schnell zusammenbekommen, wenn man will.

Wenn Don Giovanni so nah dran ist am heutigen Paarungsverhalten, kann man ihn dann überhaupt noch als rebellischen Nihilisten darstellen?
Schon, weil die heutigen Don Giovannis auch darunter leiden, dass es dieses Überangebot an Frauen, Liebes- und Beziehungsentwürfen gibt. Die haben oft noch diese romantische Idee von einer festen Partnerschaft und finden bloß niemanden, weil sie durch die vielen Möglichkeiten einen so hohen Anspruch haben. Don Giovanni leidet nicht, der sagt: Ich bereue keine Liebschaft und keinen Mord, und am Ende fährt er mit einem Fuck Off in die Hölle.

Das macht ihn nicht unbedingt sympathisch, aber man hat Respekt vor seiner Konsequenz.
Letztendlich ist er ein Suchender. Ich möchte ihn gerne so spielen, dass man Mitleid mit ihm hat und ihn gleichzeitig zutiefst verachtet. Und es macht ihn schon auf eine gewisse Weise sympathisch, dass er im Vergleich zu allen anderen überhaupt keine Angst hat. Wie viele Sachen traut man sich nicht, weil einem immer diese Scheißangst im Wege steht? Wenn man die ablegt, natürlich zu einem hohen und moralisch fragwürdigen Preis, ist es durchaus interessant zu sehen, was man dann alles machen kann.

Erschienen in SZENE Hamburg 01/2013


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