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#LetsTalkAboutSexes

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Januar 29, 2017 by moi

20170130Im Budapester Kaffeehaus in traditioneller Tracht & Geschlechterrollen.

 

Meine ehemalige Autorin Sarah Omar, die jetzt als Onlinekommunikatorin beim Städel-Museum in Frankfurt arbeitet, hat mich gefragt, ob ich zur Städel-Ausstellung “Geschlechterkampf” unter dem Hashtag #LetsTalkAboutSexes was zum Thema schreiben mag, und da habe ich als alte Kampfemanze natürlich ja gesagt. Daher schreibe ich jetzt was über meine durch und durch gegenderte Freundschaft zu Gábor Thury, der in Hamburg als hochbegabter Jungdramaturg und außerdem als „Ungar der Herzen“ bekannt ist. Diese Freundschaft wird hauptsächlich dadurch gegendert, dass wir es lieben, Geschlechterstereotypen zu reproduzieren. Und kulturelle Stereotypen. Der Gender- und postnationale Diskurs gehören eh zusammen.

Alles fing damit an, dass Gábor eine Zeitlang mein Schlafsofa in Anspruch nahm und morgens in grauer Jogginghose, grauem Kapuzenpulli und Adiletten auf dem Balkon stand, rauchte und auf die Grindelhochhäuser schaute und ich ihm sagte, er könne schon mal versuchen, ein ganz klein bisschen weniger Ostblockklischees zu reproduzieren. Das fand er sehr lustig. Ich für meinen Teil hatte ihn vorgewarnt, dass ich sehr emotional sei und sehr oft in den Arm genommen werden müsste, und das hat er akzeptiert.

Später fand ich heraus, dass Gábor sich fast ausschließlich von Marmeladenbrot ernährt, weil ihn Nudelkochen überfordert. Das hat mir schon Sorgen gemacht, denn von Mangelernährung kann man Skorbut kriegen, wie jeder weiß. Also habe ich angefangen, viel für ihn zu kochen und immer eine Portion extra zu machen, die er in einer Tupperdose mitnehmen kann. Und schon waren wir drin in einer glasklaren Rollenverteilung: Die Frau kocht für den Mann und der Mann beruhigt die leicht dramatische, manchmal auch ein bisschen hysterische Frau. Freunde begannen zu bemerken, dass wir uns benehmen wie ein Ehepaar. Wir beide hätten in unserem Paarungsverhalten nicht weiter davon entfernt sein können.

Besonders haben wir uns gefreut, als Gábor für seine Arbeit im Flüchtlingscafé des Thalia Theaters vom Hamburg Abendblatt auf der Titelseite in de Rubrik „Menschlich gesehen“ vorgestellt wurde. Die endete nämlich mit dem legendären Satz: Und was macht er, wenn er Heimweh hat? – Dann koche ich ein ungarisches Gulasch. Ich habe ihn gefragt, wie er dazu kommt, der armen Journalistin einen solchen Quatsch zu erzählen, wo doch das einzige, was er kochen kann, Marmeladenbrot ist. Er bestand darauf, gesagt zu haben, dass er Freunde anruft, wenn er Heimweh hat. Aber man muss solche Zeichen ernst nehmen.

Also habe ich Gulaschsuppe gekocht und zum Nachtisch Somlói Galuszka, das ist der ungefähr orgiastischste Nachtisch, den man sich vorstellen kann: Man nimmt einen Buiscuitboden, tränkt den in Zucker-Rum-Sirup, legt eine Schicht Vanillecreme drauf, außerdem Schokoladensoße und Rumrosinen, dann kommt der nächste Biscuitboden und dann geht das Ganze noch einmal los und endet mit einem letzten Biscuitboden. Das lässt man dann über Nacht durchsapschen, schichtet Schlagsahne und Haselnüsse drauf und zermanscht das Ganze. Mein erster Somlói Galuszka sapschte so sehr durch, dass mein Kühlschrank von Zucker-Rum-Sirup zu verkleben drohte. Da ich keine Küchentücher zum Aufsaugen hatte, legte ich den Kühlschrank mit Klopapier aus, und Gábor stand sehr nachdenklich daneben und sagte: Weißt du, wenn man zu viele osteuropäische Dinge tut, tut man irgendwann Dinge wie ein Osteuropäer. Aber was sollte ich tun. Der osteuropäische Machismus verlangt nach weiblichem Geschick am Herd.

20170130_2Links im Bild: eine ungarische Gulaschsuppe. Recht ein noch unbesahnter Somlói Galuszka

Gelegentlich werden wir gefragt, ob wir zusammen sind, weil es in Deutschland sofort auffällt, wenn man emotional miteinander umgeht. Dann sage ich, nein, sind wir nicht, aber wir sind ein bisschen verheiratet und außerdem ist er mein Sohn. Das finden die Menschen oft merkwürdig, aber in griechischen Tragödien zum Beispiel ist das ganz normal. In griechischen Tragödien und Epen und so gibt es sowieso Männer und Frauen und Götter und Menschen und Griechen und Barbaren und trotzdem mischt sich alles ganz lustig. Und dann treiben Sie Unfug, saufen oder haben schlimmen Weltschmerz. Das ist Gender, wie wir es mögen.

P.S.: Diese Text wurde am Flughafen von Budapest geschrieben. Ich war 2 ½ Stunden vor Abflug da, obwohl ich nur mit Handgepäck reise, denn Pünktlichkeit ist eine Tugend. Leider sehen das die Ungarn nicht so und geben das Gate erst eine Dreiviertelstunde vor Abflug bekannt, was mich sehr nervös macht. Als leicht hysterische Frau bräuchte ich jetzt eigentlich eine Schulter zum Anlehnen.


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