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Kevins Baumhaus

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August 20, 2015 by moi

20150820

Auf dem Land passieren die wundersamsten Dinge.

 

Ich möchte die Geschichte eines formschönen Verweigerers erzählen. Die formschönsten Verweigerer findet man oft an sehr banalen Orten. Dieser Verweigerer heißt Kevin. Eigentlich heißt er nicht Kevin, aber er hat auch einen dieser Namen, die gemeinhin unter „Chantalismus“ laufen und bei denen ich immer denke, die Brigade von Kevins und Chantals sind nicht weniger schlau und originell benamst als die Brigade von Finn-Oles und Gretas, die sich von Kevin und Chantal dadurch unterscheiden, dass ihre Eltern einen Hochschulabschluss besitzen, dessen intellektuelles Potential sie primär dazu nutzen, ihren Kindern beizubringen, sich über Kevins und Chantals lustig zu machen.

Kevin ist ungefähr 14 Jahre alt und wurde vom Jugendamt in ein fremdes Land zu Pflegeeltern geschickt, damit er in Deutschland nicht in den Jugendknast muss und auch ein bisschen, damit er aus der Statistik fällt. Wenn alles gut läuft und Kevin in ein paar Jahren nach Deutschland zurückkommt, hat er einen Schulabschluss und wird ein rechtschaffener Bürger.

Die Isolation von seinem sozialen Umfeld und das entbehrungsreiche Leben auf dem Land sollen Kevin also die Prekarität austreiben. Kevin macht es nichts aus, keine Jugendlichen in seinem Alter zu haben. Seine Pflegeeltern wohnen dort, wo man eigentlich nur mit dem Auto beweglich ist. Auch das macht Kevin nichts aus. Jeden Tag fährt er bei 30 Grad zwei Stunden mit dem Fahrrad zu seinem Lieblingsort, einem kleinen See, wo er fröhlich alle Touristen anquatscht, die deutsch können, und in seinem Baumhaus sitzt, das er mit seinem Betreuer gebaut hat. Seit Wochen bittet er seine Pflegeeltern darum, einmal in diesem Baumhaus übernachten zu dürfen, vergeblich. Kevin ist schließlich asozial und braucht eine harte Hand.

Eines Abends kommt Kevin eine halbe Stunde zu spät nach Hause, weil er auf dem Nachhauseweg ein paar Touristen den Weg zum See gezeigt hat und vorm Supermarkt noch ein Baguette gekauft hat, er hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen. Dafür nimmt man ihm sein Fahrrad weg. Kevin findet das bescheuert und steht am nächsten Morgen bei Morgengrauen auf, packt seinen Schlafsack, eine Jeans, drei Tshirts, eine Taschenlampe, zwölf Batterien und eine Flasche Wasser ein und läuft zu Fuß zum See, sechs Stunden lang. Heute wird er in seinem Baumhaus übernachten, auch wenn es verboten ist. Essen hat er keins dabei, aber 1,04€. Das reicht, ein Baguette im Supermarkt kostet 78 Cent.

Am See trifft er Menschen mit einem Hund, die ihm Obst schenken. Als die Menschen zurückkommen, sitzt Kevin auf einer Steilklippe, seine Pflegeeltern stehen unten und winken wütend, er solle gefälligst herunterkommen. Ich bin doch kein Hund, dem man pfeift, sagt Kevin. Er bleibt sitzen. Die Pflegeeltern gehen weg und kommen kurze Zeit wieder. Mit einem Stock haben sie Kevins Schlafsack aus dem Baumhaus gefischt. Sie sind nicht mehr leicht genug, um auf der wackeligen Leiter ins Baumhaus zu steigen, sonst hätten sie auch die Taschenlampe, die Klamotten und die Flasche Wasserh herausgeholt. Triumphierend stehen sie am Fuß der Klippe und wedeln mit dem Schlafsack. Kevin zuckt mit den Schultern.

Was willst du jetzt machen? fragen die Menschen mit Hund. Es wird kalt nachts, und der Nordwind pfeift durch die Ritzen des Baumhauses. Ich hab den Boden mit Farn ausgelegt, damit es bequemer ist, sagt Kevin. Ich sammel einfach noch mehr Farn, und damit decke ich mich zu. Die Menschen sind ein wenig besorgt. Du wirst richtig Ärger bekommen, wenn du jetzt hier bleibst. Es ist echt dunkel und kalt nachts. Sie bieten ihm an, ihn mit dem Auto mitzunehmen. , sagt Kevin. Aber danke fürs Angebot. Die Menschen lassen Kevin eine Wolldecke da. Kevin zieht los, Farn sammeln. Am nächsten Tag macht er sich im Morgengrauen auf und läuft an den Serpentinen der Landstraße entlang zwanzig Kilometer nach Hause.


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