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Kabelsalat

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September 30, 2014 by moi

20141001Ionenfönen: Entwürdigend erdnah, aber nah an den geliebten Schuhen

 

Es fällt ein bisschen schwer, sich formschön zu verweigern, wenn man ja zu etwas gesagt hat. Ich erprobe mich gerade im Wir-Gefühl und finde diese Identifikation ausgesprochen spaßig, also bin ich wohl noch nicht voll identifiziert, und das ist vielleicht auch gut so. Ich habe mir ja mal geschworen, ich würde nie ans Theater gehen, weil da nur Bekloppte sind, aber ich habe mir auch mal geschworen, ich würde nie Journalistin werden, weil da nur Bekloppte sind. Ich war mal auf einer Hochzeit, da sagte mir ein junger Mann, der sehr aufgeklärt wirkte und dann Katholik war, über seine Religionsgemeinde: Ja, es sind Bekloppte, aber es sind meine Bekloppten. Ob das Distanz ist oder Identifikation oder fürchterlich dialektisch, lasse ich jetzt einfach mal im Raum stehen.

Außerdem fällt es schwer, sich formschön zu verweigern, wenn man DirtyThirty ist und sehr professionell und deswegen Details aus seinem Arbeitsleben nicht auf seinem Blog diskutiert, aber sonst nicht weiß, was es zu schreiben gibt, weil das Theater einen verschluckt mit einem großen Haps. Allerdings bin ich ja auch als Digitalmädchen engagiert worden und werde daher eigentlich geradezu dafür bezahlt, in die wunderbare Kunst der Indiskretion der Avatare einzuführen und viel zu erzählen, aber nichts preiszugeben. (Lord Byron wäre stolz auf Facebook, stolzer noch als auf Twitter oder Instagram, da bin ich mir sicher.)

Deswegen schreibe ich jetzt über Kabel. Ich habe schon seit langer Zeit Probleme mit meinem Fön. Es war ein teurer Fön, der Ionen ausstrahlt, das ist notwendig, weil ich die längste Zeit meines Lebens gefärbte Haare habe und sie gut behandeln muss, wenn sie nicht aussehen sollen wie Scheiße. Das Stromkabel dieses Ionenföns allerdings hat sich recht schnell zusammengezwirbelt wie kleine Calamaresringe. Ich habe mich schon oft mit dem Stromstecker in der Hand auf mein Bett gestellt und das Kabel ausdrehen lassen, aber es nützt nichts. Durch das viele Aus- und wieder Eindrehen liegen an mehreren Stellen die Drähte blank, aber ich sehe nicht ein, nach nur einem Jahr einen neuen, teuren Ionenfön zu kaufen und föne mich daher auf Höhe des Stromsteckers, also auf dem Erdboden, um das Kabel zu schonen und nicht ständig ausdrehen zu müssen. Das sieht ganz schön beknackt aus.

Und nun sitze ich mit meinen Kolleginnen im Büro, mit frischgefönten fluffigen Haaren, und denke mir, zum Glück weiß keine von ihnen, wie albern ich morgens aussehe. Nun habe ich aber ein Problem mit dem Telefon in meinem Büro. Da verdreht sich nämlich manchmal das Kabel, zwar nicht so schlimm wie Calamaresringe, aber immerhin wie ein Möbiusstreifen und ist entsprechend verkürzt, weil der Hörer am Telefon zu kleben scheint. Das heißt, wenn ich ans Telefon gehe, muss ich den Kopf direkt ans Telefon halten, oder ich ziehe das Telefon über den halben Schreibtisch. Beides sieht ganz schön beknackt aus, da nützen auch die gefönten Haare nichts mehr.

Und weil das Theater sich ja von Moral fernhalten will und Fragen immer nur stellen und dann ganz sophisticated stehenlassen will, obwohl es die Freiheit der Fiktion und damit alle Freiheiten hat, und das ist das, was immer ein Ärgernis zwischen uns bleiben wird, behaupte ich jetzt auch einfach, dass ich mir die Frage, was eine private und was eine professionelle Peinlichkeit ist, nur stellen, aber nicht beantworten kann, und somit auch dieser Eintrag in seiner Erlaubtheit zweifelhaft ist, was dann eigentlich schon wieder ganz schön sexy ist.

Eine kleine, unhinterfragbare Indiskretion muss dann aber doch sein: Wenn die Internetverbindung im Büro kurzzeitig unterbrochen wird und ich den Back-Button benutze, zeigt mein Browser nicht an: „Die Seite kann nicht gefunden werden.“, sondern: „Das Dokument ist erloschen.“ Ich glaube, solche Worte wählt ein Browser nur, wenn er weiß, er ist im Theater.

 


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