RSS Feed

Les Inspirateurs

0
hodgkinson
Foto: Rick Morris Pushinsky

Tom Hodgkinson –

Faulenzen mit Daniel Dösentrieb

Warum arbeiten, wenn man auch schlafen, gärtnern, singen oder Marmelade kochen könnte? Tom Hodgkinson predigt den kreativen Müßiggang – so erfolgreich, dass es fast schon in Arbeit ausartet.

 

Extrem gelassen und von formvollendeter Höflichkeit: Tom Hodgkinson würde man schon auf 500 Meter Entfernung zweifelsfrei als Briten identifizieren. Gerade hat er im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel aus seinem Buch über Müßiggang vorgelesen, jetzt gönnt er sich zum Interviewtermin erst einmal ein großes Bier – dem bis fünf Uhr morgens noch viele weitere folgen werden.

Herr Hodgkinson, Sie predigen den Müßiggang, schreiben aber Bücher und Artikel, betreiben einen Buchladen und geben das Magazin “The Idler” heraus – das sich in seiner neuen Ausgabe auch noch mit dem Thema Firmengründung befasst. So richtig überzeugend wirken Sie als Faulpelz nicht.
Jeder Mensch muss seinen Lebensunterhalt verdienen, und ich bin von jeher ein Verfechter des guten Lebens gewesen. Schon bei der Gründung des “Idler” war mir klar, dass ich sehr geschäftstüchtig sein muss, wenn ich den Kapitalismus erfolgreich kritisieren will.

Dessen Segnungen Sie gerne nutzen, wenn Sie zum Beispiel für einen Tag nach Hamburg fliegen, um bei einem Kongress zu lesen.
Ich habe nichts gegen Arbeit und Fortschritt. Aber ich hatte stets Probleme, unter den Bedingungen eines Vollzeitjobs kreative und persönliche Erfüllung zu finden. Auch Fortschritt bedeutet für mich mehr als die kapitalistische Idee von wirtschaftlichem Wachstum. Ich sehe lieber meinen Kindern und den Blumen in meinem Garten beim Wachsen zu.

Dann müsste Ihnen doch auch die Idee gefallen, Geld für sich arbeiten zu lassen und einem Aktienportfolio beim Wachsen zuzuschauen.
Im Prinzip ja. Aber ich habe Freunde, die Investmentbanker sind, und ich glaube, sie sind selbstmordgefährdet, so gestresst sind sie. Trotzdem mag ich die Idee von Zinsen, weil so viel Faulheit darin steckt: Man muss nichts dafür tun. Aktien interessieren mich aber nicht, eher Gold und Silber. Ich habe mal welches gekauft und wollte ein kleines Geschäft daraus machen, aber der Plan ist irgendwie im Sande verlaufen.

Ich sehe schon, die Finanzwelt ist auch nicht Ihr Ding. Für welche Arbeitskultur könnten Sie sich erwärmen?
Im Mittelalter hatte man eine sehr gute Einstellung zur Arbeit. Durch die Gilden gab es kein Konkurrenzdenken. Und außerdem war es eine unglaublich kreative Zeit: Die Universitäten und das Wohlfahrtssystem wurden gegründet, es gab viel mehr Gesang und Poesie. Und denken Sie erst an die Kathedralen!

Tausende Arbeiter sind beim Bau der Kathedralen umgekommen.
Diese Zahlen sind übertrieben, genau wie das Elend des Mittelalters völlig übertrieben wird. Nach Schätzungen des International Labour Offices sterben heutzutage zwei Millionen Menschen pro Jahr bei der Arbeit, hinzu kommen 160 Millionen, die ihre Arbeit krank macht. Das Mittelalter ist nichts dagegen.

Wie sind Sie überhaupt zum Müßiggänger geworden?
Ich hatte meinen Job bei einer Boulevardzeitung verloren. Dann gründete ich den “Idler” und schrieb im “Guardian” den Artikel “Warum ich keinen Job will”. Daraufhin hat mir der “Guardian” einen Job angeboten, aber nach drei Jahren wurde mir alles zu viel. Ich bin mit meiner Frau aufs Land gezogen und habe beschlossen, nicht länger als vier Stunden pro Tag zu arbeiten.

Halten Sie sich immer noch daran?
Ich habe das zehn Jahre lang getan. Aber kürzlich haben meine Frau und ich einen Buchladen in London eröffnet, und ich habe angefangen, wie ein Verrückter zu arbeiten. Ich wache um sieben Uhr morgens auf und kann nicht mehr aufhören, mir Gedanken um das Geschäft zu machen. Im Januar bin ich zusammengebrochen. Ich muss dringend lernen, zu delegieren.

Oder mal Pause machen. Einen schönen Power-Nap einlegen.
Das tue ich sowieso. Ich bin unfähig, zwischen dem Mittagessen und vier Uhr nachmittags zu arbeiten. Ich lege mich nach dem Essen immer erst einmal im Laden schlafen. Auch unsere Mitarbeiter dürfen sich für zehn Minuten hinlegen, wann immer sie wollen. Man ist ein ganz anderer Mensch nach einem Nickerchen, fröhlich und wach – eine fantastische Sache. Der Ausdruck Power-Nap ist natürlich ganz furchtbar. Klingt nicht wie etwas, das man genießen kann.

Verstehen Sie denn Menschen, die Stress als Genuss empfinden?
Jeder muss wissen, was ihn glücklich macht. In London hasst man die Fondsmanager, die aber lieben ihren Job, für sie ist er ein Spiel. Wenn ich dastehe und aus dem Fenster sehe, mag das für Sie aussehen, als würde ich nichts tun, aber in Wirklichkeit arbeite ich einen Gedanken aus, über den ich einen Artikel schreiben möchte. Denken ist harte Arbeit, die ich aber liebend gern verrichte.

Muss man also einfach nur eine Tätigkeit finden, die für einen selbst Arbeit und Müßiggang zugleich ist?
Sehen Sie, ich hasse Saubermachen. Ich habe mich wirklich bemüht, gerne zu putzen und diese Tätigkeit als Müßiggang zu empfinden, aber es gelingt mir einfach nicht. Nach Jahren des darbungsvollen Saubermachens haben meine Frau und ich aufgegeben und eine Putzfrau eingestellt. Jetzt bin ich ein kapitalistischer Unterdrücker.

Der wie zum Hohn T-Shirts verkauft, auf denen der Slogan “Work kills” zu lesen ist.
Ich bin scharf dafür kritisiert worden. Aber in meinen Augen ist das eine Frage der Größenordnung. Ich verkaufe T-Shirts, um von meinem kleinen, punkigen Geschäft leben und kreativ sein zu können. Ich mag die Idee der Selbstständigkeit als Alternative zum Vollzeitjob. Ich ziehe es vor, unabhängig von wenig Geld auf dem Land zu leben, als Arbeitssklave mit viel Geld in der Stadt zu sein.

Der französische Soziologe Pierre-Michel Menger hat die These aufgestellt, dass das zukünftige Modell der Arbeit das des Künstlers ist: Frei und selbstbestimmt, aber auch prekär.
Ich glaube, es macht glücklich, Verantwortung zu übernehmen und Alternativen zum kapitalistischen System zu entwickeln. Die Gewerkschaften haben dazu beigetragen, Arbeitsbedingungen und Löhne zu verbessern, aber alles auf der Position des Sklaven, innerhalb der Tretmühle. Ich mag die Idee der Eigenverantwortung.

Angenommen, Sie wären selbst in der Gewerkschaft: Was würden Sie fordern, um mehr Müßiggang ins Büro zu bringen?
Zunächst würde ich bei der Arbeit alle Zeitungen verbannen und Gedichte vortragen lassen. Man könnte zum Beispiel in der Mittagspause Lesungen und Vorträge in der Kantine organisieren, um den Angestellten neue Perspektiven zu eröffnen. Auch einen Garten am Arbeitsplatz halte ich für unerlässlich, einen kleinen, umfriedeten Garten mit Bänken und Kräutern, wie es sie in mittelalterlichen Klöstern gab. Zur Erholung und zum Nachdenken über philosophische Fragen.

Was kann ich selber tun, um mein Arbeitsleben müßiger zu gestalten?
Ein wichtiger Faktor eines guten Lebens ist es, spazieren zu gehen. Jeder Mensch sollte das mindestens eine Stunde pro Tag tun. Sie könnten einfach zur Arbeit laufen. Ich bin gestern vier Meilen durch London gelaufen, anstatt die Tube zu nehmen.

Ist es so entspannend, in der Innenstadt von London spazieren zu gehen?
Natürlich. Sie müssen ja nicht auf der Straße gehen und können stattdessen den Bürgersteig nehmen. Die Menschen sind alle so unentspannt, weil sie nicht spazieren gehen und gärtnern.

Das hört sich alles so brav an. In Ihrem Buch “Anleitung zum Müßiggang” haben Sie noch zur Revolution der Faulheit aufgerufen, einer Mischung aus Dauerbesäufnis und Sex.
Oh, Alkohol am Arbeitsplatz ist eine großartige Sache. Meine Mutter war Journalistin in den 70er-Jahren, und alle Redakteure waren von morgens bis abends betrunken. Sie hat bei einem Sonntagsblatt gearbeitet, die Arbeitswoche begann dienstags um elf mit der Redaktionssitzung, danach bekam jeder Mitarbeiter ein Bier ausgegeben. Wenn um halb sechs die Pubs öffneten, war Feierabend, außer samstags, wenn das Blatt fertig werden musste. Was Sex im Büro betrifft: Es passiert überall, aber die Arbeitswelt hat sich dadurch nicht großartig verändert. Schade, es wäre großartig, wenn man das System so zum Einsturz bringen könnte.

Wirklich schade. Dann müssen Sie also tatsächlich arbeiten, um eine Welt ohne Arbeit zu erschaffen.
Genau das ist es, was ich seit 20 Jahren tue, und wofür wir die Idler Academy for Philosophy, Husbandry and Merriment gegründet haben. Merriment (Frohsinn) umfasst die Themenfelder Spaß, Alkohol, Tanzen und Frivolität. Bei Husbandry (Landwirtschaft) geht es um Gemüseanbau, Tierhaltung und das Einkochen von Marmelade. Der Philosophie-Zweig dreht sich um die Frage, wer ich bin und wie ich mich verhalten soll. Was tun denn all die beruflich erfolgreichen Menschen, die eine Midlife-Crisis bekommen? Sie belegen Kurse über den Sinn des Lebens. In jedem von uns stecken ein Künstler und ein Philosoph.

Aber was mache ich, wenn ich Gärtnern und Geschwätz hasse und lieber meinem kapitalistischen Vollzeitjob nachgehe?
Das ist völlig in Ordnung. Arbeiten Sie ruhig, es wird mir viel Spaß machen, Ihnen dabei zuzusehen.

Biographie: Tom Hodgkinson, geboren 1968, war Boulevardjournalist, bevor er 1993 mit Gavin Pretor-Pinney „The Idler“ gründete, ein jährliches Magazin über Müßiggang. Zu den Gastautoren zählen Damien Hirst und der Rockstar Pete Doherty. Seine Ideen verbreitet Hodgkinson auch als Kolumnist und in Büchern wie „How to be Idle“, „The Idle Parent“ und „How to be Free“. Hodgkinson lebt mit Frau und drei Kindern auf einem Bauernhof in North Devon.

Interview: Hanna Klimpe, erschienen in: Financial Times Deutschland vom 13.04.2012

0 comments »

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>