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High Heels Hymne

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Mai 1, 2017 by moi

20170430Boden der Tatsachen: my ass.

 

Kürzlich las ich einen Artikel in der FAZ eines jungen oder möglicherweise auch nicht mehr ganz so jungen Mannes, der ein Loblied auf das Tragen von High Heels sang. Das ist ja zunächst Mal durchaus lobenswert, allerdings stellte sich recht schnell heraus, dass der Autor so wirklich gar nichts verstand, weder von High Heels noch von Frauen, die welche tragen. Das Geheimnis des High Heel-Tragens liege darin, „enthoben zu wirken im souverän bewältigten Zustand gleichzeitiger Hilfsbedürftigkeit“. Heilige Scheiße.

Um das äußerst unappetitliche Bild der Hilfsbedürftigkeit der Frau in High Heels zu entkräften, möchte ich zunächst zu einer Gegenthese ausholen: Die Beine sind der Phallus der Frau, und von daher sind Frauen Männern gegenüber prinzipiell phallisch privilegiert, weil sie ihren Phallus in der Öffentlichkeit herumspazieren führen können, und dann auch noch zwei davon haben. Diese Tatsache kommt einfach viel besser zur Geltung, wenn man auf hohen Hacken durch die Gegend spaziert, die klack-klack-klack machen und unmissverständlich klarmachen: Here I am, and honey, don’t you ever try to mess with me.

Zweitens hat das Tragen von High Heels nichts mit Enthobenheit zu tun, sondern ganz lebenspraktisch mit dem Ausgleich eines Napoleon-Komplexes. Hohe Hacken sind die Erlösung für Frauen, die sich im ewigen Kampf gegen die Niedlichkeitsfalle befinden, z.B., weil sie 1,65 Meter groß sind, was natürlich nicht akzeptabel ist. Als ich klein (also im Sinne von jung) war, hatte ich eine Freundin, deren Mutter mich nicht mochte, weil sie mich widerspenstig fand, und die mir ständig komische Dinge erzählte, wie: Ich solle nicht so sehr zeigen, dass ich so schlau sei, denn das würden die Jungs nicht mögen, und ich solle auch nicht so laut sein, denn das würden die Jungs nicht mögen. Eines Tages habe ich ihr erzählt, dass ich 1,80 Meter groß werden will, weil das sehr groß klang und mir gut gefiel, woraufhin sie mir sagte, nein, das wolle ich nicht, denn Männer seien im Durchschnitt 1,80 Meter groß und Jungs würden das nicht mögen, wenn Frauen so groß seien wie sie. Ich habe mich gefragt, wer diese bescheuerten Jungs sind, von denen sie redet, und warum mir daran gelegen sein sollte, dass die mich mögen, und habe ihr gesagt: Dann will ich 1,88 Meter groß sein. Dieser Wunsch ging irgendwann über in einen naturalistischen Fehlschluss und ich war felsenfest davon überzeugt, dass ich 1,88 Meter groß werden würde, und als es dann bei 1,65 Meter endete mit dem Wachsen, musste ich mir was überlegen. Heute gehe ich unter 1,70 Meter eigentlich nicht aus dem Haus, wenn ich mich aufrüsche, nicht unter 1,75 Meter, und es gefällt mir gut, die Natur besiegt zu haben.

Womit wir beim dritten, beim metaphysischen Grund wären, High Heels zu tragen, und das ist angewandter Weltschmerz. Kürzlich war ich in St. Petersburg und habe mir für einen Besuch im Ballett die russischsten High Heels rausgesucht, die ich besitze; sie sind gold mit Schlangenlederimprägnierung und Schleifchen, 12cm ohne Plateau. Mit denen war ich nach der Vorstellung auf einem Empfang, und da kommt ja relativ schnell der Zeitpunkt, an dem die Füße so brachial weh tun, dass man noch nicht einmal mehr Smalltalk folgen kann und einem immer leicht schwarz vor Augen wird, und dann muss man anfangen, über Voltaire oder irgendetwas sehr Schlaues zu reden, um sich davon abzulenken, dass man gerade stirbt. Nach dem Empfang saß ich auf einer dunkelgrünen Samtbank und zog mit mit einem erleichtert-melancholischen Seufzer meine Pumps aus.
Meine Begleitung fragte: So schlimm?
Ein älterer russischer Herr kam dazu, stellte sich vor meinen Schuh und sagte ehrfürchtig mit starkem Akzent: So schön!
Ich sah auf und sagte: Aber auch so schmerzhaft!
Und er sagte: Friedrich der Große sagt: Man muss lernen zu leiden, ohne zu klagen.

Wer dabei denkt, das Tragen von High Heels sei masochistisch motiviert: Mitnichten. Es handelt sich schlichtweg um praktiziertes Nietzsche’eskes Übermenschentum, darum, den Boden der Tatsachen elegant und kriegerisch zu überwinden.


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