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Les Inspirateurs

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Stéphane Hessel –

Vater der Kapitalismuskritik

Mit seinem Pamphlet “Empört euch!” trat der ehemalige Widerstandskämpfer Stéphane Hessel die Occupy-Bewegung los. Auch nach deren Scheitern will der 95-Jährige vor allem eins: Den Kapitalismus an die Kette legen.

Stéphane Hessel, Jahrgang 1917, geht langsam, aber formvollendet: Der Gehstock ist farblich auf den Dreiteiler abgestimmt. Im Rahmen eines Zukunftscamps der Zeit-Stiftung hat er gerade vor 1000 Zuhörern gesprochen, Thema: wofür es sich zu kämpfen lohnt. Als bekennender Liebhaber deutscher Dichtung empfiehlt Hessel den Europäern in Krisenzeiten Hölderlins “Hyperion”, um die Moral aufrechtzuerhalten: “Doch uns ist gegeben / auf keiner Stätte zu ruhn.” Zum Interview bestellt er dann ein Wasser, “mit Sprüdel”

Monsieur Hessel, Sie haben mal gesagt: “Von außen betrachtet ist Europa das Land der Vergangenheit. Es ist das Land des Kapitalismus, der sich nicht erneuert hat.” Das war 1962. Wie muss sich der Kapitalismus heute angesichts der Euro-Krise erneuern?
Die Idee von Europa in die Tat umzusetzen ist sicher das Wichtigste und Gelungenste, was meine Generation erreicht hat. Das 20. Jahrhundert war geprägt durch den Aufbau Europas. Unglücklicherweise hat dieses Europa noch nicht die Form gefunden, die es ihm ermöglicht, die Probleme der jetzigen Krise zu lösen: eine gesamteuropäische Sozialdemokratie, die den Menschenrechten, der Umweltpolitik und der sozialen Gerechtigkeit ihren verdienten Platz einräumt. Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich im Zuge eines deregulierten Kapitalismus in den letzten 20 Jahren immer mehr vergrößert.

Wäre eine Rückkehr zur sozialen Marktwirtschaft denn die Lösung für Europa?
Der Schlüsselbegriff lautet ausgleichende Gerechtigkeit. Wir müssen zu einem Gleichgewicht zurückfinden, das bereits existiert hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine Phase von 30 Jahren, in denen die Wirtschaft stabil war und die Grundbedürfnisse der Europäer befriedigte, eben weil die Märkte reguliert wurden. Das war die Bundesrepublik von Adenauer und Brandt, das Amerika Carters. Leider folgten darauf Thatcher, Kohl, Reagan und Bush. Wir können dieses Gleichgewicht wiederfinden, wenn wir entsprechende Maßnahmen im Sozialsystem ergreifen und die Funktionsweise des Marktes ändern. Der deutsche Entwurf zur Begrenzung des Hochfrequenzhandels etwa geht in die richtige Richtung.

An welchem ökonomischen Modell orientieren Sie sich?
Noch vor 20 Jahren hat man vom Rheinischen Kapitalismus gesprochen, wie ihn der Wirtschaftswissenschaftler Michel Albert in seinem Buch “Kapitalismus contra Kapitalismus” beschrieben hat. Nach diesem System wird dem Markt und den individuellen Verdienstmöglichkeiten viel Platz eingeräumt, aber gleichzeitig wird der Markt durch den Dialog zwischen Gewerkschaften, Arbeitgebern und Staat reguliert, und durch eine vernünftige Begrenzung der Bereicherung.

Was Sie fordern, ist mehr Staat.
Wir leben unglücklicherweise in einem System, das ich als oligarchisch bezeichnen würde. Die Entscheidungsmacht befindet sich in den Händen einiger weniger Politiker, die sich ihr Handeln von den Forderungen des Finanzmarktes diktieren lassen, und denen, die die Macht des Finanzmarktes innehaben, den Lehman Brothers und Goldman Sachs. Die Bürgerinnen und Bürger müssen mehr Druck ausüben und dürfen sich dabei nicht von Lobbyisten manipulieren lassen. Sie müssen für die gemeinsame Sache eintreten.

45 Prozent der Deutschen befürworten aktuell einen Ausschluss Griechenlands aus der Euro-Zone. Für ein Europa, wie Sie es sich wünschen, wäre mehr Basisdemokratie vermutlich nicht sehr förderlich.
Gerade in der aktuellen ökonomischen Krise baue ich sehr auf Deutschland. Ich hege große Sympathien für das deutsche Volk. Die Deutschen haben ein furchtbares 20. Jahrhundert durchlitten. Zwei verlorene Weltkriege, 40 Jahre Teilung, den kompletten politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch. Trotzdem haben sie es geschafft, die stärkste Ökonomie Europas aufzubauen – nicht zuletzt mit Unterstützung der Amerikaner, durch den Marshallplan. Die Deutschen tragen gerade jetzt eine große Verantwortung, und es ist nicht akzeptabel zu sagen: Uns geht es gut, die anderen sollen sich irgendwie durchschlagen. Auch die Politiker müssen zu verstehen geben, dass das Verschwinden des Euro einen gravierenden Rückschritt für alle Staaten Europas bedeuten würde. Im Übrigen glaube ich: Wenn man die Deutschen wirklich an der Basis befragen würde, ob sie den Euro behalten wollen oder nicht, wäre die Mehrheit dafür. Und den Euro kann es nur mit einem geeinten Europa geben.

Können Sie die Ängste der Deutschen vor der Inflation denn verstehen?
Selbstverständlich. Ich habe 1920 als kleiner Junge in Berlin erlebt, wie Millionen von Mark wertlos herumflogen. Aber die Deutschen dürfen sich von ihrer Angst nicht beherrschen lassen. Wir brauchen ein mutiges und starkes Deutschland, das zusammen mit den skandinavischen Ländern, mit Frankreich und Österreich alles tut, um den anderen europäischen Ländern zu helfen. Es ist weiß Gott nicht ausgeschlossen, dass der Euro zusammenbricht. Das würde eine gesamtgesellschaftliche Situation provozieren, die vor 65 Jahren den Aufstieg des Faschismus ermöglicht hat.

Dabei plädieren Sie nicht nur für weitere Hilfen für Griechenland und Spanien, sondern auch gegen die Sparpolitik Angela Merkels.
Ich möchte den Begriff “Sparen” gern etwas differenzieren. Die verordneten Sparmaßnahmen werden nicht dazu beitragen, Griechenland und Spanien zu retten. Aber mittelfristig müssen wir alle, nicht nur die finanzschwachen Länder, zu einem gesunden Maß für unser Konsumverhalten finden, um eine funktionierende globale Wirtschaft zu ermöglichen. Wir haben bei Weitem zu viel verschwendet und die Endlichkeit unserer Ressourcen erreicht. Wir brauchen eine neue Form von Wachstum, die darauf beruht, Maß zu wahren. Das ist eine andere Form von Sparen.

Schon in “Empört euch!” haben Sie den “Wachstumsfetisch” kritisiert. Was halten Sie von Konzepten wie Tim Jacksons “Wohlstand ohne Wachstum”? Er fordert, statt in ökonomische Produktivität in öffentliche Gemeingüter zu investieren.
Das ist genau der Weg, den wir einschlagen müssen. Wir brauchen eine Erziehung zur Staatsbürgerschaft, die die Vision einer besänftigten Menschheit verwirklicht: einer Menschheit, die nicht immer mehr will, sondern darum bemüht ist, ihre Lebensverhältnisse stabil zu halten. Die Werte der Demokratie sind in den letzten 300 Jahren zunehmend degeneriert und müssen wiederbelebt werden. Dazu habt ihr jungen Menschen viel bessere Möglichkeiten als wir vor 50 Jahren. Ihr mit euren kleinen Internets und euren kleinen Facebooks habt die Möglichkeiten, eine Konzeption des Menschen und der Gesellschaft zu entwerfen, die den heutigen Bedürfnissen und Herausforderungen entspricht.

“Empört euch!” hat die Occupy-Bewegung mit ausgelöst, die sich genau dieser modernen Kommunikationsmittel bediente. Sind Sie enttäuscht, dass sich die Bewegung mehr oder weniger totgelaufen hat?
Ich bin nicht so verrückt zu glauben, dass ich diese Bewegung mit ausgelöst habe. Mein Büchlein wurde einfach nur in einem Moment veröffentlicht, als in vielen Ländern ein Bedürfnis nach Erneuerung erstarkt ist. Wofür stand denn die Occupy-Bewegung? Gewöhnliche Bürger haben sich zusammengeschlossen und gesagt: Man hört uns nicht zu – aber wir fordern, dass man uns zuhört. Das scheint mir ein guter Anfang zu sein. Es kann Jahrzehnte dauern, bis die Forderungen komplett erfüllt werden. Aber sowohl Occupy als auch die Arabische Revolution haben mir bei allen Rückschritten gezeigt, dass ein Wille in der Gesellschaft besteht, Wege aus der jetzigen Sackgasse zu finden.

Biographie: Stéphane Hessel wird 1917 in Berlin geboren, 1924 emigriert seine Familie nach Frankreich. Hessel engagiert sich während des Krieges in der Résistance, wird 1944 von der Gestapo verhaftet und überlebt nur mit Glück die Haft im KZ. Nach 1945 arbeitet er vor allem als Diplomat und Lyriker. 2010 erscheint Hessels Essay “Empört euch!”, in dem er unter anderem zum Widerstand gegen den entfesselten Finanzkapitalismus aufruft. Das 14-seitige Pamphlet verkaufte sich über eine Million Mal und wurde in 35 Sprachen übersetzt. 2011 und 2012 folgten die Veröffentlichungen “Engagiert euch!” und “Wege der Hoffnung”.

Interview: Hanna Klimpe, erschienen in: Financial Times Deutschland vom 26.10.2012  

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