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Habitus Gap

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Dezember 29, 2017 by moi

20171229Nur im Shopping-Paradies Gelsenkirchen: Grumpy-Cat-Einhornbashing-Pullis

 

Ich komme, wie ich auf diesem Blog und auch sonst ausgiebig kundtue, aus dem Ruhrpott, genauer gesagt aus Oberhausen. Das ist eine Stadt, der die Bundesregierung 2017 stark unterdurchschnittliche Lebensverhältnisse bescheinigt hat. Ich persönlich finde Oberhausen durchaus charmant, aber es stimmt schon: Oberhausen muss man wollen.

Ein ehemaliger Kommilitone von mir, der aus Essen kam, sagte mal zu mir: Im Ruhrgebiet habe ich immer gedacht, ich sei Mittelschicht, aber dann lernt man die Mittelschicht in Hamburg kennen und merkt, man ist ein Bauer. Als ich letztens mit meinen Schulfreundinnen in Oberhausen zusammensaß, Eurodance-Klassiker hörte – meine Favoriten sind der Crazy Frog aus dem Jamba Sparabo und die Minions-Version von Despacito – und wir einem Freund „Bisse in Bottrop, krisse auffn Kopp dropp“ ins Handy sangen, fing meine Freundin an, von der Rocky Horror Show in Oberhausen zu erzählen, die von Sky Dumont gesprochen wurde, aber statt Sky Dumont sagte sie Pierre Bourdieu: Klassischer Fall von Habitus Gap.

Habitus Gap tritt in zwei Formen und insbesondere bei Menschen auf, deren Eltern Profiteure des sozialdemokratischen Aufstiegs durch Bildung der 1950er-Jahre waren, selber aber aus Working-Class-Familien kamen; was dazu führt, dass man mit zehn Jahren das erste Mal Schillers „Räuber“ gesehen hat und irgendwann irgendwas mit Kultur oder Medien macht, aber bis ins hohe Alter keine Gabel anständig halten kann. Ich habe jedes Mal Habitus Gap, wenn ich von meiner Wohnung zur Alster jogge und die Existenz der Jugendstil-Villen in Rotherbaum nicht anerkennen kann in dem Glauben, es müsse sich zwangsläufig um Pappmaché handeln, da es so große Häuser gar nicht in echt geben kann.

Habitus Gap ist also einmal ein grundsätzlicher Handlungs- und Wahrnehmungsmodus, beschreibt aber auch den Zustand, in die alte Heimat zu fahren und sich mit größter Freude zu benehmen wie Horst Schimanski: Laut radiohörend und manspreadend im Auto auf dem Parkplatz zu cruisen, in Gelsenkirchen im Backwerk abzuhängen und sich rosa Pullis mit Grumpy-Cat-Aufdruck zu kaufen.

Ich finde, Habitus Gap ist die weniger weinerliche Version vom diesen Jahr extrem trendigen Impostor-Syndrome, wo es ja doch wieder nur um subjektive Befindlichkeit geht und nicht um gesamtgesellschaftliche Zustände. Denn Habitus Gap kann, einmal erkannt, durchaus subversiv eingesetzt werden zur Erschütterung der feinen Unterschiede: Die Sichtbarmachung des Prekariats ist schließlich besonders formschön mit Eurodance, Grumpy Cat und dadurch, mit seinen ewigen Freundinnen lustig und vor allem sehr laut zu sein. Mein guter Vorsatz fürs neue Jahr, ist daher: Den Habitus Gap salonfähig zu machen.


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