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Gefahrenzone

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Januar 9, 2014 by moi

20140109Der siebte Himmel von Paris

 

Nachdem ich letztens unsicher war, ob ich zum nachmittäglichen Kuchenessen mit einer küchentechnisch nicht besonders gut ausgestatteten Schanzenbewohnerin ein Kuchenmesser transportieren darf, ohne von pflichtbewussten Polizisten in Gewahrsam genommen zu werden, habe ich beschlossen, dass Hamburg vorerst ein unglamuröser Ort ist. In Paris gibt es hingegen seit gestern die Soldes, im Deutschen etwas unglamouröser: Winterschlussverkauf.

Nicht, dass ich der Gefahrenzone ausweichen wollte: Die Galéries Lafayette, die am Starttag der Soldes schon um acht Uhr morgens öffnen, sind um spätestens zehn Uhr derartig sauerstoffdefizient, dass man sich eigentlich nur noch per Schnappatmung fortbewegen kann. Es soll Geschäfte geben, sagen meine Pariser Freunde, die ihren Kundinnen ernsthaft raten, in Unterwäsche zu kommen, damit die Schlangen in der Umkleide nicht so lang werden. Aber vielleicht ist das nur einer der urbanen Mythen, die Franzosen meinen, deutschen Mädchen erzählen zu müssen. Die puritanische Sozialistentochter in mir muss an diesem Tag zu Hause bleiben: Ich ergebe mich dem kollektiven Wahnsinn. Das geht ganz schnell, weil die Galéries Lafayatte in einer Kuppel untergebracht sind, das heißt, man läuft immer im Kreis und kriegt sehr bald einen Drehwurm.

Ich brauchte aber auch notwendigerweise ein Kleid, weil mein Lieblings-Fabianhart eine famose Party gibt. Und weil ich gegen Alternativlosigkeit bin, brauchte ich zwei, damit ich mir eins aussuchen kann. Insgesamt war ich dieses Jahr aber sehr vernünftig. Denn das mit dem Wahnsinn kann finanziell böse enden, und die Phantasie, mir auszumalen, dass ich vielleicht auch Arztgattin oder so werden könnte, habe ich nicht.

Ein kleiner Rest gesunder Menschenverstand erlaubt außerdem interessante Beobachtungen: Dass mehr Japaner das altehrwürdige Geschäft leerkaufen als Franzosen – es gibt sogar einen Acceuil Japon mit japanischsprachigem Personal. Und vor Longchamp stehen die Menschen an, um dann doch an den Taschen vorbeizulaufen, man denkt unwillkürlich an die Mona Lisa.

So banal und oberflächlich ist das alles gar nicht: Emile Zola, den ich mit 18 Jahren sehr verehrt habe und immer noch sehr gerne lese, hat in seinem Roman Au Bonheur des Dames das Entstehen der großen Kaufhäuser beschrieben und dafür Geschäftsführer und Angestellte interviewt. Ich bin also nur im Dienste des investigativen Journalismus unterwegs. Und für die nächste Ausgabe von Trajectoires: Es wird um Figuren und Figurationen der Autorität gehen. Dafür kann man doch glatt wieder nach Hamburg zurück.


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