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Frühlingsgefühle

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März 10, 2013 by moi

20130309

Dienstagmittag mit Sonnenbrille auf einer lauschigen Bank am Isebekkanal Sushi gegessen, und am Samstag beflockt der Schnee Bordsteine und Spaziergänger. Nein, wundern darf man sich nicht über diese verrückte Welt. Die Erde und ihre albernen Naturgesetze, das ficht eine Doktorandin in ihrer selbstverschuldeten Isolationshaft sowieso nicht mehr an. Da fühlt man sich jeden Tag ein bisschen mehr wie Major Tom: Here am I sitting in a tin can far above the world.

Vor drei Jahren, in diesem nicht enden wollenden sibirischen Winter, war ich überzeugt, dass den Menschen mit dieser brutalen Kälte die Kälte in der Welt endlich unerträglich werden würde. Sobald es Frühling würde, so die damals mit großem Eifer vertretene These, würden die Menschen alle nackig auf die Straße rennen und sich leidenschaftlich lieben. Das ist nie passiert. Ich bin auch nicht nackig auf die Straße gelaufen, sondern habe als Examensvorbereitung ein Buch übersetzt: Selbstentfremdung und Missverständnis in den Tragödien Jean Racines. Das ermöglichte nur sehr eingeschränkte orgiastische Impulse.

Natürlich könnte man auch jetzt wieder deprimieren. Der sonnenärmste Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1951 hat einem da ja schon eine gewisse Routine verliehen. Indes, die drei Tage Frühlingsmöglichkeit haben wieder Kraft für Trotz gegeben.

Lauren Berlant, eine großartige Literaturwissenschaftlerin, die ich für die aktuelle Tush interviewt habe, würde sich über dieses Wetter weder wundern noch beschweren. In Ihrem ausgezeichneten Buch Cruel Optimism plädiert sie dafür, sich mit der Merkwürdigkeit und Brüchigkeit der Welt anzufreunden, anstatt darüber zu deprimieren, dass unsere Lebensverhältnisse nie wieder geordnet sein werden. Die vier Jahreszeiten, so würde sie vermutlich sagen, waren der Zyklus der kurzen Periode, in der der Kapitalismus zu funktionieren schien. Das ist vorbei, also guckt lieber, wie ihr mit diesem Wetter so gut wie möglich umgeht. Jeder Tag, auch ein Schneetag im März verdient es, dass man ihn wild und stolz und kompromisslos begeht. Und wer weiß, vielleicht führt dieses Verweigerungswetter ja auch zu irgendetwas Gutem: And I want to believe in the madness that calls now. Zu einem radikalen Umdenken in der Klimapolitik oder zumindest zu einem lustigen Spaziergang, nach dem man aussieht wie ein Schneemann, oder auch wie Major Tom.


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