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Les Inspirateurs

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Foto: Zwach & Fritsch

Herbert Fritsch –

Merkwürdige Funken schlagen

Herbert Fritsch, ehemaliger Castorf-Schauspieler und ältester Nachwuchsregisseur Deutschlands, war auf dem Berliner Theatertreffen 2010 gleich mit zwei Arbeiten vertreten. Jetzt inszeniert er am Thalia Theater den “Raub der Sabinerinnen” und will vor allem eins: Schauspieler und Publikum verführen.

 

Sie haben den “Raub der Sabinerinnen” schon einmal inszeniert, 2009 in Halle. Warum jetzt wieder in Hamburg?
Ach, eigentlich mache ich sowieso immer die gleiche Inszenierung. Die wird abgewandelt und geht immer weiter. In diesem Fall lag es aber auch daran, dass das Stück in Halle aus Krankheitsgründen nur ein paar Mal gespielt werden konnte, was ich sehr traurig fand.

Was interessiert Sie an der Figur des Gymnasialprofessors Gollwitz, der ein unsagbar schlechtes Theaterstück geschrieben hat? Literarisch motivierte, aber minderbegabte Menschen gibt es doch viele.
Weiß Gott, und die gibt es auch am Theater. Der Gollwitz birgt sehr viel Witz, weil er so einen gewissen Krampf mitbringt. Ich bin auch ein sehr verkrampfter Mensch. Das ist etwas sehr Lustiges, gerade als Schauspieler. Aus diesem Krampf kommt oft eine große Kraft. Den darf man nicht unterbinden, in den muss man sich richtig reinarbeiten. Außerdem ist Gollwitz sehr von seiner Genialität überzeugt und ist dann doch nicht toll. Auch da finde ich mich wieder.

Ist Gollwitz auch deswegen so lustig, weil er sich künstlerisch motiviert gibt, aber eigentlich ein kleiner Spießer ist?
Ich habe mit dem Begriff des Spießers ein großes Problem, weil er oft als Kampfbegriff benutzt wird, mit dem man alles niederbügeln kann. Man ist oft sehr überrascht von Menschne, die spießig wirken. Die Nicht-Spießer mit ihren bunten Hütchen, die einen auf Künstler oder Bohémien machen, sind hingegen häufig starr und dämlich. Ich kann mit dem Begriff nichts anfangen.

“Der Raub der Sabinerinnen” wird oft als belangloser Schwank abgetan.
Ja, die Leute halten das leider oft für primitiv. Ich liebe diese ganzen alten Komödien, auch “Das Haus in Montevideo” oder “Die spanische Fliege”. Es gibt für mich keinen gegenwärtigen Autor, der das beherrscht. Wenn man diese Stücke in eine bestimmte Richtung dreht, schlagen sie ganz merkwürdige Funken, und ich hoffe, das kommt beim Publikum an. Das ist es, was mir Freude macht: Leute rumkriegen für irgendeinen seltsamen Scheiß – die Schauspieler ebenso wie das Publikum.

Für Verführung im Theater zu plädieren, widerspricht dem Zeitgeist. Sind Sie altmodisch oder rebellisch?
Das Rebellische ist eine altmodische Kategorie. Am Theater laufen so viele staatlich subventionierte Rebellen rum, ich finde das lächerlich. Im Übrigen hat mich der Zeitgeist nie interessiert. Ich habe auch kein Bedürfnis nach Aktualität. Diese Aktualität, de mir jeden Tag in den Medien vorgegaukelt wird, ist keine Aktualität, sondern ein pures Angstszenario.

Sie haben sich als Regisseur zunächst auf Provinzbühnen verdient gemacht. Macht es mehr Spaß, auf einer großen Bühne zu inszenieren?
Mir macht immer das am meisten Spaß, was ich gerade mache. Natürlich ist das Thalia ein großes Theater mit einer großen Geschichte, aber auch das Theater in der Provinz hat eine große Geschichte. Dort sind die Wurzeln von vielen Talenten, und man findet auch Typen, für die man an großen Häusern keinen Platz hat. Ich habe dort außergewöhnliche, wunderbare Schauspieler gefunden, genau wie am Thalia. Das ist das Schöne als Regisseur: Man hat die Möglichkeit, wirklich überall gucken zu können und etwas zu machen.

Seit drei Jahren arbeiten Sie fast ausschließlich als Regisseur. Juckt es Sie nicht manchmal, als Schauspieler auf die Bühne zurückzukehren?
Ja, aber nur in meinen eigenen Stücken.

Biographie: Herbert Fritsch, geboren 1951, wurde als Castorf-Schauspieler an der Berliner Volksbühne unter anderem dadurch berühmt, als Mellefont in Lessings “Miss Sara Sampson” auf der Bühne onaniert und das besuppte Taschentuch in den Zuschauerraum geworfen zu haben. Als 60-jähriger startete er eine zweite Karriere als Theaterregisseur und wurde mit der “Nora”-Inszenierung am Theater Oberhausen zum Shootingstar in der Szene. Seit 2000 arbeitet er auch an dem intermedialen Kunstprojekt hamlet_X.

Interview: Hanna Klimpe, erschienen in SZENE Hamburg Nov. 2011

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