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Finya-Irrwege

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Oktober 17, 2013 by moi

20131017

Dieser junge Mann war offensichtlich noch auf keiner Online-Dating-Plattform, einsam, wie er dasteht.
Oder gerade deswegen? Foto: Elli Marie Strobl

von Elli Marie Strobl

Penelope83 hat sich bei Finya, dem beliebtesten deutschen Partnervermittlungsforum angemeldet, weil sie neugierig ist und einsam. Bisher hat sie immer nur gewartet.
Jetzt macht sie sich auf die Suche.
Sie zeigt dort ihr hübsches Gesicht. Mehr nicht. Und auch von dem nur ein bisschen.
Ihr Gesicht liegt auf dem Foto, das sie hochgeladen hat, im Halbschatten, die schwarzen Haare fallen auf ihre Stirn wie ein Tuch. Man sieht nur ihr halbes Gesicht. Sie hat das Bild selbst mit der Kamera von oben nach unten aufgenommen. Dadurch wirken ihre dunklen Augen riesig.

Eben noch ein leerer Warteraum, ist die rechte Spalte ihres Bildschirms plötzlich beseelt. Von Menschen und vermeintlichen Göttern.
In Minutenschnelle werden es immer mehr. 10, 30, 60.

Bilder ploppen auf, springen ihr entgegen, greifen nach ihr, schnappen nach ihr.
Sie erschrickt.
Dass die Werbung um sie sofort so aggressiv ausfallen würde, hätte sie nicht gedacht.

Vorher war da keiner. Nicht einer.
Was wollen die von ihr?

MeinLiebhaber6, HuckleberryGin, Hans_am_Anfang, FuerchteNix, TheSeeker, GroßerKerlHH, musiknonstop, minimalism, NettERHH, CaptainNutella, GoinUpInFlames, Digiman, Naturbursche, Duschvorhang30, Wunderbär, KuschelFummel, RambaZamba79, Thedivahimself, Firlefanz, DerOlleOlli, Romanvorlage, DieNeugier, 708615, Vollentflammt, VerrücktnachBier, Chips&Käse, Sportskanone88, Supersurferbody, Liebzudir73, atomtheorie, Prinz_Hannes, frÄÄÄnk, Wolkenkuckucks, Pseudonym 81., Herr_Mai, Thenextromeo, surfnturf, Lecker_Junge, Schokotortenliebhaber, Appollon84a, Pedro77, thedivahimself, prinz_c, Venusman und Homer3

Penelope83 klickt sich durch.
Aufgeblasene, geölte Muskeln, sonnengebräunte, wettergegerbte Haut, feine Anzüge, Franzosenkappen, Föhnwellen, die über die Halbglatze fallen, schnittige, heiße Schlitten, Boote, schwere, schnelle Maschinen, Chrom und Lack und Lederjacken, E-Gitarren, Bässe und Trompeten, eine blitzende Armbanduhr, Babyhunde und Katzen auf behaarten Armen, Karo-Hemden, Vollbärte, Ziegenbärte, Dreitagebärte,
Haargel, ganz viel Haargel, Tonnen, Pötte, voll Pomade, dicke Bäuche, Waschbrettbäuche, Tattoos auf kräftigen Schultern und käsiger Haut.
Manchmal lenkt der Hintergrund vom Motiv ab. Hin und wieder schimmert blau das Meer aus Zwischenräumen. Oft ist das nur eine Tapete.

Für jedes Laster, jedes Bedürfnis, jede Sehnsucht, jede Obsession, jedes Problem ist einer dabei. Eine riesige, fantastische Wundertüte, im Guten wie im Schlechten.
Spannend, abstoßend und oft sterbenslangweilig.

Penelope83 sieht viele traurige Typen, die auf Bojen rumstehen.
Jeder von ihnen steht allein auf seiner Insel, die so winzig ist, dass sie sich darauf gerade mal um die eigene Achse drehen können. Unfähig, sich auch nur einen Schritt zu bewegen, sind sie in ihrer Einsamkeit gefangen, darauf angewiesen, dass jemand sie findet, rettet und aufs Festland zurückbringt.
Diese Typen wippen und schaukeln auf ihren Bojen so wild herum, dass sie Penelope83 manchmal doch dazu bringen, auf das kleine Bild mit dem grünen Punkt daneben zu klicken, ihre Botschaft anzuhören und ihnen hin und wieder sogar zurückzuschreiben.

RambaZamba79 fragt nach “Dienstagssex?”
Es ist Samstag. Für heute, morgen und Montag ist er wohl schon verplant.

“Hast du einen schönen Po? Beschreib mir deine Figur!”
Bittet Wellenreiter76. Er selbst zeigt kein Bild von sich.
Penelope83 schreibt: “Ich hab ziemliches Übergewicht. Ehrlich gesagt bin ich eine richtige Tonne.”
Wellenreiter76: “Keine Frau würde von sich selbst sagen, dass sie eine Tonne ist. Sag mir bitte wie hübsch du bist. BITTE!”
“Ich habe ein schönes Gesicht. Bin aber sonst total fett. Du kannst mir ruhig glauben, ich bin eine ehrliche Haut.”
“Dann wird das mit uns nichts. Meine Frau muss schlank sein.”
“Das ist ganz schön oberflächlich!”
“Ich bin ein Mensch, wir haben die Urinstinkte immer noch in uns….wie auch die Liebe, und die willst du doch auch : P -”

Wellenreiter76 schickt Penelope83 einen Link zu seinem Facebookprofil.
Er heißt Sebastian Beirich, arbeitet im Vertrieb für eine Firma, die Sportartikel herstellt, hat in Leipzig studiert, ist 38, seine Interessen sind Windsurfen, Kaffee, Duschen.
Er steht auf U2 und Depeche Mode.
Hübsch ist er! Dunkelbraunes, kinnlanges Haar, markante Wangenknochen, er trägt eine lässige Lederjacke und grinst in irgendeiner Großstadt im Frühling schelmisch in die Kamera.

“Männer sind so…das war auch schon immer so, stell dir vor du hättest keinen Unterleib…weiss ich ja nicht…dann würdest du nicht in mein Beuteschema passen, krass aber wahr : )”
“Echt krass! Vor allem, weil ich keinen habe.”
Penelope83, die Frau ohne Unterleib, verlässt ihren Schreibtisch und zieht sich aus.
Sie schält sich aus der Jeans, zieht den blauen Pullover über den Kopf und geht im Baumwoll-Slip, weiß mit kleinen roten Erdbeeren bedruckt, zu einem Haufen Wäsche, der auf einem Stuhl neben dem Kleiderschrank liegt, sie wühlt darin herum und greift sich eine bequeme dunkelblaue Baumwoll-Leggins heraus, die zwei zwei mittelgroße Löcher am rechten Oberschenkel hat, außerdem ein verwaschenes graues T-Shirt. Nachdem sie sich beides angezogen hat und grobe dicke Wollsocken dazu, geht sie ins Bad, um ihre Kontaktlinsen gegen die Brille auszutauschen, zwirbelt ihre Haare zu einem steil nach oben stehenden Dutt zusammen, kocht sich einen Tee mit Ingwer und Zitrone und klickt sich weiter durch die Liste der Interessenten…
“Was suchst du hier?” fragt Die Neugier. Schon zum fünften Mal innerhalb einer Stunde.
Penelope83 antwortet nicht. Lies doch selber, du Ätztyp!
In ihrem Profil hat sie bei dem Punkt “Ich suche hier” angegeben:
Feste Partnerschaft, netten Flirt, ein Abenteuer, eine Freundschaft, eine Reise, gemeinsames Ausgehen, gemeinsame Besuche von Museum, Theater etc., nette Bekanntschaft.
Also alles.
Das ist die Wahrheit. Sie hat schon immer auf alles gewartet.
Jetzt sucht Penelope83 eben alles.
Und im Grunde auch nicht nur einen Mann.
Unter den Basisangaben in ihrem Profil gibt es noch ein leeres Feld. Dazu da, um ganz frei ein paar Sätze über sich zu schreiben. Penelope83 schreibt:
“Hier ein Bild entwerfen, davon wer ich bin? Ihr habt wohl ein Rad ab! Das funktioniert so nicht.”
Aber ok, ich probiers trotzdem mal.

Eigentlich finde ich mich ziemlich langweilig. Ich hab noch keine besonderen Heldentaten vollbracht.
Ich bin einfach nur da.
Ich glaube, dass ich ganz gut aussehe. Ich ziehe Blicke auf mich.
Ich glaube, dass ich interessanter wirke, als ich bin.
Ich bin ein guter Spiegel. Jeder sieht in mir das, was er sehen will.
Ich weiß nicht, was ich darüber hinaus noch bin.
Was bleibt von mir übrig, wenn ich nicht angesehen werde?
Ich kann es ganz schwer ertragen, kein Gegenüber zu haben.
Deswegen:
Seid meine Spiegel, Männer!
Sagt mir, wer ich bin!
Sagt mir, wen ihr seht!
Helft mir! Bitte! Helft mir, meine Geschichte zu finden.
Penelope83 zwirbelt an ihrem Dutt herum, starrt auf den Bildschirm. Mindestens zwei Minuten lang starrt sie auf den Text, dann seufzt sie und klickt mit der Maus auf “speichern”. Sie stützt ihr Kinn auf die Handfläche. Ihr Gesicht wirkt im Licht des Computerbildschirm bleich und geisterhaft.
LarryFlurry schreibt:
“Ich kapier ja überhaupt nicht, was du meinst.
… Aber du bist wunderschön!”
Penelope83 antwortet nicht.
Prinz_Hannes schreibt: “Ich weiß was! Deine Geschichte beginnt mit mir.”
Penelope83 runzelt die Stirn, schreibt: “Aha. Und wo?”
“In meinem Whirlpool.”
“Wow! Nicht schlecht. Das überrascht mich jetzt! Werde ich aus Schaum geboren? So wie Aphrodite?”
“Hehe… Aphrodite… Ganz nackt.”
Penelope83 schreibt:
“Göttinnen darf man nicht anfassen. Sonst faulen Finger und Pimmel ab, und zwar sofort.”
Penelope83 kratzt sich am Hintern und macht dann einen kleinen Ausflug zu den Nachrichten:
77 Tote bei einem Zugunglück in Spanien, NSA-Affäre im Bundestag, William und Kate präsentieren ihr Baby…
Es blinkt grün und drängelnd in der oberen rechten Ecke des Bildschirms.

Es blinkt grün und drängelnd in der oberen rechten Ecke des Bildschirms.
Die Finya-Fee schaltet sich ein. Nicht Eros, sondern sie hat hier nämlich die Fäden in der Hand. Die Finya-Fee ist anstrengend, denn sie weiß immer alles besser. Sie kennt die geheimen, unsichtbaren Verbindungen von einem Rechner zum anderen. Sie bringt zusammen, was zusammengehört, auch wenn sich die Beteiligten noch so sehr dagegen sträuben. In den Olymp wurde die Finya-Fee bisher noch nicht aufgenommen.

“So haben wir ja nicht gewettet, meine Süße! Wer die Liebe finden will, der darf sich nicht hinter Bildern verstecken! Der muss es wagen, sich zu ZEIGEN! Spiegel suchen! Pah!”
“Blöde Kuh! ” Denkt Penelope83
Penelope83 holt sich eine Decke und kuschelt sich ein. Sie zündet eine Kerze an. Es ist schon ziemlich spät, lange kann sie hier nicht mehr rumhängen, morgen muss sie früh raus und zur Arbeit.
Sie gähnt lange, löst ihr Haar aus dem Haargummi, schließt die Augen und bettet ihr Kinn auf die vor sich verschränkten Arme.
Plötzlich sitzt der FinyaFee der Schalk im Nacken.
FummelKuschel umschlingt Penelope83 von hinten und legt je eine Hand auf eine Brust unter dem verwaschenen grauen Shirt. Als er merkt, dass die eine Brust kleiner als die andere ist, zieht er schnell die Hand zurück.
Er steckt seine Zunge in ihr Ohr und schleckt darin herum. Penelope83 erträgt das Ganze mit Gleichmut.
Poseidon80 greift ihr ins dichte, ungekämmte Haar, zieht daran, zwirbelt eine Strähne um seinen Finger, nimmt ein Haargummi und flicht einen Zopf. Einen französischen, der sie streng und königlich erscheinen lässt.
Es ziept, aber als er fertig ist, sitzt die Frisur perfekt. Der blonde Hüne mit den langen fransigen Haaren, bringt Spiegel. Einen großen und einen kleinen. Er hält sie ihr so entgegen, dass sie sich von hinten und von vorne betrachten kann. “Alles zu Eurer Zufriedenheit, Frau Königin?”
“Ja, sehr schön gemacht. Danke!” Poseidon80 lächelt, ein bisschen unterwürfig, wie ein treuer Diener.
“Bin ich die Schönste in ganz Finya?” Fragt Penelope83. – “Aber Hallo! Mit Abstand!”
Schmusebär29 streichelt ihr zärtlich über die Wange. Zarter geht nicht.
Seine leicht speckige, weiche Hand ist mit dunklen Haaren bedeckt. Unter seinen Fingernägeln zeichnet sich ein schwarzer Rand ab. Trotzdem fühlt es sich schön an. Butterweich.
Sie möchte schnurren wie eine Katze.
Dann überlegt sie, woher der ganze Dreck wohl kommen mag. Aus was sich das Sekret wohl zusammensetzt? Popel, die verkrusteten Reste, die beim Spülen in der Pfanne hängengeblieben sind mit dem Fingernagel herausgekratzt, Seife, Fussel von einer schwarzen Fließjacke, Zigarettenasche…? Was für eine seltsame Legende eines Menschen so ein Dreckrand ist! Und sie wird sie nicht lesen, nicht verstehen können. Nie.
Will sie auch gar nicht.
SchönerAdrian schiebt die kräftige Hand des Konkurrenten mit seinen eigenen langgliedrigen, gepflegten, manikürten Fingern ruhig und selbstsicher beiseite, nimmt ihre Hand sanft in die seine, legt sie auf seine Schulter und den eigenen Arm um ihre Hüfte. Er trägt ein weißes Hemd, dessen vordere Knöpfe geöffnet sind.
Sie sieht erst tief in seine glühenden schwarzbraunen Augen, senkt dann etwas verschämt den Blick und bleibt an etwas zu großen Lippen hängen, von denen nicht ein winziger Hautfetzen absteht. Rotbraun und sinnlich sind sie unter einer dicken Schicht Labello konserviert. Langsam drehen sich die beiden im leisen Walzertakt im Kreis. Strauß. “An der schönen blauen Donau”. Wie auf Wolken. Traumhaft ist das! Eigentlich könnte sie den ganzen Tag nichts anderes machen, als mit diesem Mann zu tanzen.
Wolkenkuckuck setzt sich ihr im Schneidersitz gegenüber und legt ihr die Karten. Keine Ahnung, wo der Grundschullehrer im karierten Hemd das gelernt hat.
Nach alter Wahrsagertradition breitet er 32 Schafkopfkarten vor ihr aus. Zuerst muss man auf die Herzdame sehen, die steht stellvertretend für sie, die Fragende. Dort befindet sie sich im Moment. Alles, was hinter ihr liegt ist Vergangenheit, die Karten davor stehen für die Zukunft.
Er deckt die Karten auf, runzelt die Stirn, kratzt sich am Dreitagebart, rückt die Brille mit dem eckigen Gestell zurecht, nickt ein paar Mal, schaut sie an, lächelt:
“Ich sehe sehr viel Kummer, sehr viel Sehnsucht und Entbehrung.”
Penelope83 überlegt. Ja, da ist schon was dran. Man sollte aber auch nicht übertreiben. Sie hat es sich ja selbst so ausgesucht, nimmt halt nicht den Erstbesten. Und klar, es hat wehgetan, verlassen zu werden. Tut es immernoch, wenn sie ehrlich ist. Manchmal wünscht sie sich immer noch, dass er zu ihr zurückkommt. “Hmm.” sagt sie nur und lächelt, ein wenig unsicher.
“Du hast lange nicht mehr gefickt, hab ich Recht?”
Dazu sagt Penelope83 nichts. Sie hat es sich jetzt schon angewöhnt, sowas hier einfach zu ignorieren.
“Du bist eine schöne Frau. Du brauchst einen Kerl, der dirs ordentlich besorgt.”
Jaja, ist ja gut. Das wollen sie hier alle. Hat sie auch schon kapiert.
“Du kannst dich freuen. Dein Herzbube ist ganz nah.” Wolkenkuckuck zeigt auf die Karte, die fast direkt neben der Herzdame liegt und tut dann genau das, was abzusehen war:
Er nestelt am Knopf seiner Hose herum…
Penelope83 befördert ihn in die Sperrliste.
Sie ist sauer. Ohne sich zu verabschieden, meldet sie sich ab für heute. Es reicht!
Das wird in dieser Nacht nichts mehr.
Das Orakel hat ja gesprochen: Der Herzbube ist nahe, aber noch nicht da.
Heute noch nicht. Vielleicht ja morgen.
Die FinyaFee seufzt.


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