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Entre nous, c’est juste textuel

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August 8, 2013 by moi

20130809Besser als Bücher ist manchmal nur Rosé-Wein im Sonnenuntergang

von Penelopes Wishing Well

Penelope ging es gut in ihrem mönchischen Dasein zwischen den Büchern. Bücher waren sowieso die besseren Menschen, und in Bibliotheken fand man Dinge, die man schon lange verloren geglaubt hatte. Sie für ihren Teil hatte ihr Selbstwertgefühl wiedergefunden, das während eines Abenteuers auf der Strecke geblieben war, das sie ins Zölibat getrieben hatte. Vorläufig unwiderruflich, dachte sie. Aber da fiepte es plötzlich, das Selbstwertgefühl, wie ein angefahrenes Erdhörnchen, irgendwo zwischen Oscar Wilde und W.Y. Yeats. Mit Geduld und Käsecrackern hatte sie es wieder herauslocken könnten, und jetzt saßen sie da, Penelope, ihr Selbstwertgefühl, und die Bücher, und fanden langsam zurück in die Spur.

Aber Penelope hatte den Weg zum Klo unterschätzt. Dort fing er sie plötzlich ab, kurz, flüchtig, aber immer wieder. Sie wunderte sich über seine seltsame Bestimmtheit, nahm jedoch an, dass es nichts mit ihrer Person zu tun hatte. Er wollte sich ihrer Zuneigung versichern, wie er sich scheinbar der Zuneigung aller Frauen versichern musste, für den Fall, dass er vor einem Grizzlybär beschützt werden musste. Manchmal dachte sie sich, wie schrecklich adrett er doch war und versuchte sich vorzustellen, wie er herzhaft „Scheiße“ sagte oder Ketchup auf sein blütenweißes Hemd kleckerte, aber es gelang ihr nicht.

Dann bat er sie zu einer Zusammenkunft mit seinen anderen Frauen. In einem dunklen Raum sah sie sich sehr lange Dinge an, die sie nicht verstand. Und das, obwohl nirgendwo ein Grizzlybär zu sehen war. Draußen hatten sich die allerersten Sonnenstrahlen ihre Bahn gebrochen und sie hätte eigentlich lieber auf einer Wiese mit jemandem rumgeknutscht, mit dem man sich dreckig machen konnte. Als die Zusammenkunft vorüber war, standen viele Frauen um ihn herum, und als sie ging, sahen sie sich aus der Ferne hilflos an. Aber das war in Ordnung, sie duldete sowieso keine Göttinnen neben sich.

Penelope setzte sich wieder zu ihren Büchern, zwischen denen sie so glücklich, aber auch so verletzlich war. Und dann stand er neben ihr in der Bibliothek, fasste ihr vorsichtig an den Rücken, und obwohl sie sich so offen und wund gemacht hatte, um sich voll und ganz auf die Worte und Gedanken einzulassen, empfand sie seine Berührung als angenehm. Sie sah ihn an und alles an ihm strahlte, die Augen, das Gesicht, sogar die Haare. Strahlend stotterte er, wie sehr er sich freue, dass sie gekommen war zu der Zusammenkunft. Er, an dem immer alles perfekt saß, das Hemd, die Haare, jedes Wort, jede Geste, wirkte plötzlich so schutzlos und so aufrichtig. Penelope war beeindruckt und auch ein bisschen verliebt.

Bald musste er auf Reisen gehen, und Penelope auch. Für ihre Rückkehr hatten sie eine Zusammenkunft ausgemacht, nicht mit allen anderen Frauen, nur sie beide. Penelope wusste nicht, wie viele Zusammenkünfte dieser Art er zu haben pflegte und wie ernst er sie nahm, und es war ihr nicht egal. Unterwegs dachte sie viel an ihn, das lag auch an der Stadt, durch die sie reiste und die sie sehr liebte. Einmal schrieb sie ihm eine kurze Nachricht über die Schönheit gewisser Verse und er antwortete mit zwei dieser Verse, die von einer Flamme sprachen, die nun nicht mehr versteckt sei. Penelope wusste nicht, was sie darauf hätte antworten sollen. Es geschah nicht häufig, dass ihr die Worte fehlten, und sie spürte, dass er seine Klauen tief in sie gegraben hatte. Es waren Verse, die ihr wirklich wichtig waren.

Als er nach ihrer Rückkehr völlig unerwartet in der Welt außerhalb der Bibliothek auftauchte, verwirrte sie das so sehr, dass sie beschloss, an ihm vorbeizulaufen. Dann blieb sie aber doch stehen, unschlüssig, und sah sich um. Er lief zu ihr zurück und bat darum, dass sie wieder zu einer seiner Zusammenkünfte kommen möge. Sie sprachen fahrig und verschreckt miteinander, und sie war von der plötzlichen Fleischlichkeit, die er außerhalb der Bibliothek hatte, hingerissen, aber auch völlig überfordert.

Sie begannen, sich zu schreiben. Das sah sie als einzige Möglichkeit, vor der geplanten Zusammenkunft durch Worte etwas übereinander zu erfahren. Sobald ihre Körper sich in einer gewissen Nähe zueinander befanden, vermochten sie keine zusammenhängenden Sätze mehr zu bilden. Außerdem kam er nicht mehr so häufig in die Bibliothek wie früher. Dafür schrieb er viele schöne Dinge, über Ähnlichkeiten und Zusammenkünfte, und einige merkwürdige Dinge, deren Zusammenhang sich ihr nicht erschloss. Sie solle sich an ihn wenden, wenn sie Erklärungen bräuchte. Penelope hielt es für möglich, dass er schlichtweg schlüpfrig war.

Und wieder ging sie zu einer Zusammenkunft mit seinen anderen Frauen. Sie fühlte sich nicht wohl unter ihnen, ihre Unterwürfigkeit befremdete sie. Sie überlegte, nach der Zusammenkunft ohne Gruß nach Hause zu gehen. Noch während sie grübelte, sprach sie eine unbekannte Frau an. Es stellte sich heraus, dass sie die Frau kannte, aus ihrem Leben außerhalb der Bibliothek, in dem sie sehr viele Männer und Frauen traf. Diese hier war ihr nicht im Gedächtnis geblieben. Sie sprachen darüber, warum sie hier seien. Die Frau sagte, sie sei hier, weil er ihr gehören würde. Es klang viel Besitzerstolz in ihrer Stimme und noch mehr Verlustangst. Penelope registrierte, wie sie ein Pfeil durchbohrte, aber sie spürte es noch nicht.

Penelope strauchelte durch die Stadt. Schließlich fand sie Unterschlupf bei einer Komplizin. Die Komplizin beschloss, Penelope an einen sicheren Ort zu bringen. Dort betrank sich Penelope fürchterlich und aß fast nichts, außer gelegentlich einem Stück Wildschweinwurst oder einer Banane. Sie konnte das Geschehene nicht fassen. Seine Zugehörigkeit zu einem Körper an einen Anderen zu verraten, das war vielleicht nicht schön, aber menschlich, und es passierte. Die Verse und die Zartheit dagegen mussten doch heilig sein. Sie fragte sich, wie zynisch oder fiktiv er sein musste, um diese Zartheit mit den tatsächlichen Gegebenheiten vereinbaren zu können. Bevor sie verreist war, hatte sie ihn um die Erklärung gebeten, die er ihr bereits angeboten hatte, doch die war er ihr schuldig geblieben.

Wind, Sonne und Wasser brachten sie zuletzt sanft wieder in die Umlaufbahn zurück. Wind, Sonne und Wasser waren wie Bücher, nur ohne Deckel. Sie sah ihn noch einmal auf einer Feier, bevor alle Menschen der Bibliothek wieder auf Reisen gingen. Sie schenkte ihm keine Beachtung und er tat, als sei nichts geschehen. Aber er beobachtete, wie sie von ihren Abenteuern erzählte, und vor allem beobachtete er ihre Beine. Als die Feier sich ihrem Ende zuneigte, umarmte er sie und sagte, dass man sich doch auch nach ihrem nahendem Abschied aus der Bibliothek gelegentlich zu einer Zusammenkunft treffen könne.

Penelope hatte jedoch kein Interesse daran, eine geistige Geliebte zu sein. Dafür waren sie und ihr Körper viel zu lebendig. Sie wusste, dass sie Recht hatte, als sie viel zu spät entschlüsselte, dass in der Geschichte der Verse, die er ihr geschickt hatte, zwar von Flammen die Rede war, diese aber einer verbotenen Liebe galten. Die Geschichte war in der Impulsivität des Erlebens in den Hintergrund gerückt. Sie hatte diese Verse als Frau und nicht als Text gelesen.

Penelope lebt abwechselnd im Russland des 19. Jahrhunderts und im Paris der 1960er-Jahre. Wenn sie nicht durch Raum und Zeit jettet, widmet sie sich Fragen der Fiktionalität.


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