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Elli zwischen den Bildern

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Januar 5, 2013 by moi

von Elli Marie Strobl

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Foto: Elli Marie Strobl

Elli ist ein Reh im Körper eines Seeigels. Sie ist trotzig, stachelig und giftig. Sie versteckt sich im Dunkeln. Rennst du nichts ahnend in sie hinein, kann das sehr weh tun. Elli bleibt an dir hängen, sie bohrt sich in dich und lässt dir keine Ruhe. Elli zwickt und juckt und drückt. Noch Tage nach einer Begegnung bleibt von ihrem Stich ein kleiner Wulst zurück. Den Stachel kann man irgendwo unter der Hornhaut als schwarzen Punkt erahnen, aber man kann ihn erst herausziehen, nachdem man ihn noch Tage mit sich herumgeschleppt hat.

Ich habe Elli an einem Samstagmorgen ganz zufällig auf der Flohschanze in einer Wühlkiste mit alten Fotos gefunden. Aus einem feuchten Schuhkarton mit bestimmt 500 Bildern griff ich zwei heraus. Auf beiden Fotos war dieselbe Frau abgebildet (Auf den ersten Blick dachte ich, es handelt sich um einen Mann, der sich an Fasching als Frau verkleidet hat). „Das ist Elli, die ehemalige Geliebte meines Vaters.“ Klärte mich die Verkäuferin auf. „Mein Vater war ein begnadeter Fotograf, sieht man ja auch an den Bildern. Sicher verstehen Sie, dass ich deswegen zwei Euro für eines verlangen muss.“

Vom ersten Blick an hat Elli keine guten Gefühle in mir ausgelöst.

Als ich das Bild im Hochformat betrachtete, war ich beschämt.

Man sieht ein Beinahe-Ganzkörperporträt, das offensichtlich zu Karneval aufgenommen wurde. Elli steht im Burlesque-Outfit vor der Kulisse eines recht spießigen Wohnzimmerdschungels. In der exotischen Kletterpflanze, die sich an einem Gerüst aus Bambus emporwindet, hängt eine Clownsmaske aus Plastik. Elli trägt auch eine Maske, aber eine dunkle, venezianische mit Federn, dazu einen Strohhut, Satinhandschuhe, einen engen schwarzen Body, einen schwarzen Kragen aus Tüll, eine lange silberne Kette mit einem Kreuz und eine Art Tutu aus einer Tischdecke, unter dem der Body-Schritt als ein dunkles Dreieck hervorspitzt. Die Schenkel stecken in einer schwarzen Netzstrumpfhose. Im Stoff über dem rechten Bein befinden sich zwei kleine Löcher. Elli hebt ein Glas Sekt in die Höhe. Sie lächelt, aber sieht nicht fröhlich aus. Sie wirkt wie vor die Pflanze gestellt, um dort fotografiert zu werden.

Ich glaube, dass ihr eigentlich nach Weinen zumute ist, oder zumindest nach Verstecken. Aber sie befürchtet, hinzufallen, sobald sie ihren Platz verlässt. Sie fühlt sich nicht sicher auf ihren Beinen, selbst im Stehen schwankt sie ein wenig. Sie trägt heute ziemlich hohe Schuhe (Man sieht sie nicht auf dem Bild), das ist sie nicht gewohnt.

Eine Sektflasche steht in der Nähe. Elli bleibt, wo sie ist und trinkt. Sie sieht den anderen zu, wie sie lachen, sich unterhalten, flirten und tanzen und irgendwann ist sie dann so besoffen, dass sie sich doch ins Getümmel mischt. Und dann bleibt sie mit dem Absatz an einem kleinen mit Plüsch bezogenen Sitzhocker hängen, der einfach so mitten im Zimmer liegt. Sektflasche und Glas fliegen in hohem Bogen durch den Raum, das Glas zerbricht, die fast leere Flasche schlägt hart auf, bleibt aber ganz. Elli fällt mit dem Gesicht voran auf den Parkettboden.

Dort liegt sie dann lange. Halb betäubt vor Schmerz und Alkohol, kommt sie allein nicht mehr auf die Beine. Es dauert, bis ihr jemand hilft. Es ist nicht ihr Freund, der Fotograf…

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Auch das zweite Bild ist ein Porträt. Im Mittelpunkt dieser Fotografie steht aber eine andere Frau. Sie wirkt viel eleganter und mondäner als Elli. Statt Strohhut, samtschwarze Melone, statt albernem Tüll-Kragen schmiegt sich eine Federboa um den Hals. Keine Schönheit, diese Lady, aber sie hat kein Problem damit, angesehen zu werden. Im Gegenteil. Raubtierhaft, lässig und gespannt zugleich, lehnt sie an der Bar und fängt die Blicke ein. Ich finde diese Frau nicht sympathisch. Tatsächlich kann ich sie auf Anhieb nicht leiden. Sie scheint nicht sonderlich interessant zu sein, sich aber dafür zu halten. Genervt will ich das Bild zurücklegen, als ich sie im Hintergrund entdecke: Elli sieht man nur schemenhaft. Nur ihr Gesicht. Der Strohhut mit der schwarzen Borte, darunter die schwarze Maske mit den Augenschlitzen und ein Mund, der größer wirkt als auf dem anderen Foto, weil er leicht verschwimmt. Dass sie nicht lächelt, sondern einen ernsthaften Zug um die Mundwinkel hat, kann man sehen, obwohl ihr Gesicht auf diesem Bild im Schatten liegt.

Man könnte denken, Elli sei hinter dem leicht getönten Glas in einer Vitrine abgestellt worden, wo auch Wasser-, Sekt- und Biergläser lagern. Umrahmt von diesen hält sie das Sektglas in die Höhe. Doch der Rahmen überstrahlt das Bild, das ganze Licht wird von den Gläsern im Schrank abgefangen, drängt die kleine Figur noch mehr in den Hintergrund.

Elli wurde bestimmt von niemandem in den Schrank gesperrt, auch wenn es in die Geschichte passen würde. In der Scheibe der Glasvitrine spiegelt sich die Szene, wie Elli zu der Dame mit der Federboa sieht. Diese ist der unangefochtene Mittelpunkt des Bildes. Elli sollte nicht fotografiert werden, ist nur zufällig auf dem Bild.

Eigentlich ist Elli sehr scheu. Sie mag zuviel Aufmerksamkeit nicht, geschweige denn fotografiert zu werden.

Es sei denn ihr Freund, der Fotograf macht das Bild.

Nur für ihn hat sie sich heute in den Body und die Netzstrumpfhose gezwängt, einen Rock aus einer Tischdecke genäht und die zu engen, halsbrecherischen Schuhe angezogen. Für ihn hat sie Posen einstudiert. Ihn lächelt sie an, nur ihn. Er soll sie schön finden. Er soll sie immer ansehen. Er soll den Blick nicht von ihr wenden können.

Sie kann es nicht ertragen, wenn er andere Motive hat und er hat viele.

Deswegen hat sich Elli wie ein trauriger Dämon ins Bild geschlichen. Trotzdem interessiert sich niemand für ihren Kummer, ihn Groll, ihre Unsicherheit, ihren Selbsthass, ihre Eifersucht und ihre Liebe. Bis heute hat sie darauf gewartet, dass sie jemand im Dunkeln findet.

 

 


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