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Die einfachen Freuden

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Juli 17, 2017 by moi

IMG_1417Sitzsäcke für die Romantik

 

Es gab vor einigen Wochen in Hamburg mal so etwas wie einen Sommer, circa zehn Tage lang. Da hatte ich ein Erlebnis, über das ich erst jetzt schreiben kann, wo ich wieder Sommer habe in Portugal. Vorher hätte ich dabei weinen müssen, diesen Text bei 15 Grad und Regen zu schreiben, aber das nur nebenbei.

An diesem letzten schönen Sommertag in Hamburg Ende Juni war ich bei einer Lesung meiner wunderbaren Freundin Rasha Khayat im Planten un Blomen. Wir hatten Picknick mitgebracht und ein bisschen gegrölt, schließlich sind wir Rashas intellektuelle Groupies. Danach saßen wir im Biergarten, und Rasha und ich begannen mal wieder, unsere Begeisterung für Udo Jürgens kundzutun, indem wir dem Rest des Grüppchens laut und falsch „Liebe ohne Leiden“ mit YouTube-Untermalung vorsangen.

Mit diesem geschickten Move schafften wir es, den Abend auch für einfache Freuden zu öffnen. Im Sommer gibt es im Planten un Blomen jeden Tag kostenlose Wasserspiele. Wenn man nach Hamburg zog, um zu studieren, war man in aller Regel ein Mal während der Orientierungseinheit da, traute sich nicht zu sagen, dass man das eigentlich ganz schön fand (weil kitschig) und vergaß danach, dass es sie gab.

Nun war ich also nach vierzehn Jahren das erste Mal wieder bei den Wasserspielen im Planten un Blomen und war baß erstaunt. Um den Teich herum sammelten sich die Menschen, sie hatten große Kühltaschen, Sonnenschirme und überdimensionale aufblasbare Sitzsäcke mitgebracht. Aus Respekt vor dem Casiokeyboard-Eurodance, der die Choreografie der Wasserspiele begleitete, hatten sie die Ghettoblaster zu Hause gelassen.

Erstaunlicher aber war, dass mitten in Hamburg soziale Durchmischung stattfand. In einem Umkreis, in dem ein Glas Wein mindestens sechs Euro kostet und die Mietpreise automatisch für blonde Mittelklasse-Apartheid sorgen, hatte ich das Gefühl, mit dem Blick auf rosa Fontänen für einen kurzen Moment meiner Filter Bubble zu entkommen. Das war schön, trotzdem muss ich gestehen, dass mich diese Mischung aus Billigtechno und Spritzfontänen (der ökologische Fußabdruck!) doch etwas ratlos zurückließ. So saßen wir schweigend da, bis Rasha sagte: „I always go here with the Arabs. The Arabs love this.“ Und so hatten wir endlich unsere Legitimation: Interkulturelle Kompetenz. Aber eigentlich, dachte ich, sollte ich mal öfter laut Udo Jürgens hören im gepflegten Innocentiapark.


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