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Der Zufall als Freiheit

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April 15, 2014 by moi

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Pro Werbeplakate, auf denen Frauen nicht niedlich grinsen

 

Lebenspläne sind schon in Ordnung, findet der französische Philosoph Baptiste Morizot. Man sollte sich aber freuen, wenn sich das eigene Leben zufällig ganz anders entwickelt als gedacht

„Der Zufall ist der größte Romancier, den es gibt“, schrieb der Schriftsteller Honoré de Balzac im 19. Jahrhundert, „um fruchtbar zu werden, muss man ihn nur gut studieren.“ Er selbst ging mit gutem Beispiel und äußerster Fruchtbarkeit voran: 91 Romane umfasste sein Lebenswerk, die „menschliche Komödie“. Heute scheinen wir davon abgekommen zu sein, aus unserem Dasein einen Roman zu machen, auf dessen unerwartete Wendungen wir jeden Tag aufs Neue gespannt sind. Unser Tagesablauf ist ebenso minutiös durchgeplant wie unser Leben, das wir von der Fülle eines dicken Schmökers auf zwei Seiten optimierten Lebenslauf gekürzt haben. „Entschleunigung“ heißt für viele das Stichwort aus dem Hamsterrad – aber irgendwie hört sich das so sehr nach Oma im Schaukelstuhl an. Kann der Gegenentwurf zur Effizienz nicht auch ein bisschen abenteuerlicher und aufregender sein?

„In unserer hyperorganisierten Gesellschaft bekommt man schnell den Eindruck, dass es keine Zufälle gibt“, sagt der Philosoph Baptiste Morizot. „Aber das ist eine Illusion, die sich nur so lange aufrechterhält, bis man jemanden trifft, der das eigene Leben völlig auf den Kopf stellt.“ Der 30-jährige hat seine gerade fertiggestellte Doktorarbeit der Frage gewidmet, welche Rolle der Zufall bei der Entwicklung unserer Individualität spielt. Er verbindet dabei unter anderem Ideen des Philosophen Georges Simondon und des Soziologen Pierre Bourdieu mit denen Charles Darwins. „Mir ist aufgefallen, dass wir die meisten unserer Ideen und Gewohnheiten aufgrund von äußeren, ungeplanten Ereignissen entwickelt haben.“ Morizot definiert das Verhältnis zwischen Mensch und Zufall als „Begegnung“: Wir laufen durch die Welt, plötzlich passiert uns etwas, womit wir nicht gerechnet haben, und diese Begegnung ändert unsere Sichtweise auf die Welt – wozu auch die Bereitwilligkeit gehört, Dinge wahrzunehmen, die nicht in unser Weltbild passen.

„Der erste Philosoph, der sich mit dem Zufall beschäftigt hat, war Aristoteles“, erklärt Morizot. „Seine Idee des Zufalls beruht auf dem Ineinandergreifen von zwei Begriffen, tyché, was Schicksal bedeutet, und automaton, was soviel wie ‘auf eigenen Antrieb hin’ heißt“ – also zwei Konzepten, die sich zunächst zu widersprechen scheinen. Überhaupt hat der Zufall für viel herhalten müssen: Als Gegenbegriff zur religiösen Vorsehung und zum Aberglauben, als Ausdruck der Unwissenheit des Menschen, der die wahren Ursachen eines Ereignisses noch nicht erkannt hat, oder als mathematische Wahrscheinlichkeit. „’Zufall’ ist ein tückisches Wort“, so Morizot. „Der Dichter Paul Valéry hat einmal über das Wort ‘Freiheit’ gesagt, es sei ein eines der garstigen Wörter, die mehr singen als sprechen würden. ‘Zufall’ ist auch so ein Wort. Es ist ein störrisches Wort, das ein störrisches Phänomen beschreibt.“

Auf den Zufall muss man sich also einfach einlassen. So wie Kirsten, die in London einen Mann kennenlernt, der aber gerade seinen Umzug ins libanesische Beirut vorbereitet. Eine Fernbeziehung kommt für die pragmatische Marketingfrau nicht in Frage, trotzdem besucht sie ihn, als sie von ihrer Firma einen Freiflug geschenkt bekommt. In einem Beiruter Café kommt sie mit jemandem ins Gespräch, der gerade auf der Suche nach Mitarbeitern im Marketing ist. „Ich bin nicht so kopflos und laufe irgendwelchen Typen durch die Welt“, betont Kirsten. „Aber plötzlich sah die Welt ganz anders aus. Ich habe erst durch die Begegnung im Café und das Jobangebot darüber nachgedacht: Okay, eigentlich ist der Typ echt toll, Beirut auch, dann ziehe ich einfach nach Beirut.“

„Wir sind ein Werdegang aus Zufällen, die sich in uns festgesetzt haben, und die jeden Moment einen Horizont für neue Begegnungen eröffnen, der uns wieder empfänglich für neue Zufälle macht“, sagt Morizot. „Liebesgeschichten sind ein gutes Beispiel dafür. Es ist eine Begegnung, die nicht vorherbestimmt war, aber die unsere Weltsicht und unser Verhalten verändert.“ Der Schriftsteller Milan Kundera schreibt in „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ gar, wahre Liebe könne ausschließlich durch den Zufall entstehen: „Nicht die Notwendigkeit, sondern der Zufall ist voller Zauber. Soll die Liebe unvergesslich sein, so müssen sich vom ersten Augenblick an Zufälle auf ihr niederlassen wie die Vögel auf den Schultern des Franz von Assisi.“

 Mireille Mathieu hält nichts von Zufällen, aber viel von Julio Iglesias.

Baptiste Morizot teilt Kunderas Begeisterung für die Feuerwerke, die der Zufall entzünden kann. „Natürlich kann man sein Leben so sehr kontrollieren und durchorganisieren, dass dem Zufall die Türen praktisch verrammelt sind“, sagt er. „Aber ich glaube, dass einem so unendliche Reichtümer verloren gehen: Geistesblitze, Paradoxa, Begegnungen, Rätsel. Aber um Rätseln zu begegnen, muss man akzeptieren, sich auf Dinge einzulassen, mit denen man nicht gerechnet hat. Man muss es ja nicht gleich so extrem halten wie der Bildhauer Alberto Giacometti: Nach einer von Sartre verbreiteten Anekdote rief Giacometti, nachdem er von einem Auto angefahren wurde, schwerverletzt aus: „Endlich passiert mir etwas! Ich war also gar nicht dazu bestimmt, Bildhauer zu sein, noch nicht einmal dazu, zu leben. Ich war zu gar nichts bestimmt.“ (Giacometti hatte die Geschichte übrigens ganz anders in Erinnerung und kündigte Sartre die Freundschaft.)
Diese Beliebigkeit des Zufalls weist Baptiste Morizot entschieden zurück: „Wir sind geprägt durch unser Milieu, und wir können keinen Zufällen begegnen, wenn wir keine Pläne für unser Leben machen. Das strukturiert die Art von Begegnungen, die wir haben können – man kann nicht allen Zufällen begegnen, das wäre absurd.“ Man könne sich zum Beispiel nicht in jeden Menschen verlieben: „Es braucht eine minimale Kompatibilität, die ein Produkt der bisherigen Prägung und der bisher erlebten Zufälle ist.“ In welcher Hinsicht man aber möglicherweise kompatibel ist, und wie unsere bisherige Prägung durch neue Begegnungen erschüttert werden kann – davon kann man sich immer wieder überraschen lassen.

Der Zufall sei ein Zeichen von Freiheit, so Morizot, er könne Katastrophen in Triumphe verwandeln. „Es gibt ein schönes Konzept von einem englischen Literaten und Politiker des 18. Jahrhunderts, Horace Walpole“, führt der Philosoph an. „Es heißt Serendipität. Damit bezeichnet er die Weisheit des Zufalls, die Fähigkeit, Dinge mit Hilfe des Zufalls zu finden.“ Dafür benötige es eine Mischung aus Plänen und Zufall. „Wer sucht, der findet. Aber wer verbissen nach etwas ganz Bestimmten sucht, wird vielleicht nie etwas finden. Um etwas zu finden, muss man sich auf die Suche machen, und offen für die Planänderungen sein, die der Zufall provoziert.“ Kirsten schrieb kürzlich, sie habe in Beirut die beste Zeit ihres Lebens.

Jacques Prévert – Au hasard des oiseaux 

J’ai appris très tard à aimer les oiseaux
je le regrette un peu
mais maintenant tout est arrangé
on s’est compris
ils ne s’occupent pas de moi
je ne m’occupe pas d’eux
je les regarde
je les laisse faire
tous les oiseaux font de leur mieux
ils donnent l’exemple
pas l’exemple comme par exemple Monsieur Glacis
qui s’est remarquablement courageusement conduit pendant la guerre ou l’exemple du petit Paul qui était si pauvre et tellement honnête avec ça et qui est devenu plus tard le grand Paul si riche et si vieux si honorable et si affreux et si avare et si charitable et si pieux
ou par exemple cette vieille servante qui eut une vie et une mort exemplaires jamais de discussions pas ça l’ongle claquant sur la dent pas ça de discussion avec monsieur ou avec madame au sujet de cette affreuse question des salaires
non
les oiseaux donnent l’exemple
l’exemple comme il faut
exemple des oiseaux
exemple des oiseaux
exemple les plumes les ailes le vol des oiseaux
exemple le nid les voyages et les chants des oiseaux
exemple la beauté des oiseaux
exemple le cœur des oiseaux
la lumière des oiseaux.

Keine Lust zu übersetzen, wer kein französisch kann, hat sowieso keine Daseinsberechtigung.

 

 


1 comment »

  1. Sebastian sagt:

    Der Zufall ist übrigens der ehemals beste Freund des Fotografen. Doch davon merkt man in der Regel nicht mehr viel, da der neue beste Freund Photoshop heißt.

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