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Der Zauber des Ruheraums

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März 18, 2016 by moi

20160318Gar nicht mal so glamourös: Ein Ruheraum

 

Kürzlich war ich mit einem Bekannten Mittagessen und hatte einen dramatischen Anfall, weil mir mein Leben zu ereignisreich war. Er schlug mir vor, dies bloggend zu verarbeiten, und ich musste ihn darüber aufklären, dass ich nicht so exhibitionistisch bin wie es scheint, und immer erst blogge, wenn das Bebloggte schon grundverdaut ist. Es benötigt eine gewisse Dialektik zwischen Anspannung und Entspannung. Das größte Ereignis meines Lebens ist gerade, dass ich das Thalia Theater verlasse. Es wird Zeit für mich, weiter zu ziehen. Nun verlässt man aber mit dem Theater ja nicht einfach einen Arbeitsplatz, sondern ein eigenes, leicht anarchisches Universum von hoher emotionaler Explosivität. Im Theater sind manchmal Schilder zu sehen, da steht drauf: All drama must remain on stage, aber niemand hält sich dran. Deswegen braucht es im Theater den Ruheraum.

Im Thalia gibt es mehrere Ruheräume für unterschiedliche Zielgruppen: Frauen, schwangere Frauen und alle anderen. Leider passte mein Schlüssel weder in den Frauen- noch in den Schwangerenruheraum, aber das machte nichts, denn ich bin der Überzeugung, dass mein Ruheraum sowieso der beste von allen war. Dort war die Luft nämlich so stickig und sauerstoffarm, dass man sofort weggenickt ist, auch wenn nebenan Soundcheck war.

Ruheräume gibt es in vielen modernen Unternehmen, aber da haben sie fancygere Namen, und man soll kein Nickerchen darin machen, sondern einen Power Nap. Im Theater gibt es schlichtweg deswegen Ruheräume, weil die Menschen im Theater dort wohnen. Sie halten dort ihr Nickerchen, übernachten dort, putzen sich die Zähne, und nach ein paar Monaten macht man beim Abenddienst noch nicht mal mehr die Toilettentür zu.

Das hört sich alles sehr ernüchternd an für einen Betrieb, der vom Zauber und der Illusion lebt, aber dem ist nicht so. Vermutlich gibt es nirgendwo sonst eine solche Dichte an wunderbaren, eigensinnigen, zarten und aufregenden Menschen, die auch der Meinung sind, dass es nicht wenige Situationen im Leben gibt, wo Champagner, und zwar nur Champagner, die einzige Lösung ist. Eine Dramaturgin drückte das etwas nüchterner, aber nicht minder existenziell aus: Am Theater arbeiten Menschen, die es sonst nirgendwo aushalten. Vermutlich ist das das Schönste am Theater: Dass es immer um alles geht. Und weil das sehr aufregend ist, braucht man gelegentlich einen Ruheraum.


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