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Der Ruhrpotthängebauch

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März 30, 2016 by moi

20160330Wenn man jung ist, hängt der Bauch noch nicht so

 

Über Ostern war ich in meiner Heimat, das ist Oberhausen im Ruhrgebiet. Oberhausen ist die Stadt mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung Deutschlands, die größte Stadt Deutschlands ohne Universität und die Stadt, durch die lange Zeit der verschmutzteste Fluss Deutschlands floss: Die Emscher. In Erdkundebüchern wurde dies mit einer signalroten Einfärbung des Emscherflusses markiert, wohingegen alle anderen Flüsse grün oder höchstens gelbverschmutzt waren. Als Kinder hat uns sehr schockiert, wie gemein deutsche Schulbuchverlage unsere arme Emscher stigmatisierten. Wir liebten die Emscher sehr: Wenn meine Geschwister und ich auf dem Rücksitz unseres für den Sommerurlaub bis zum Platzen vollgepackten VWs saßen und auch auf der Autobahn alle Fenster geöffnet halten durften, damit wir nicht erstickten; und wenn wir dann vom Sommerurlaub zurückkamen und von der Autobahnausfahrt über die Emscher fuhren, befohlen uns unsere Eltern, die Fenster zu schließen, da die Emscher bestialisch stank; doch auf ein geheimes Zeichen hin machten wir uns einen Spaß daraus, die Fenster genau in der Mitte der Brücke hinunterzudrehen und mit einer Mischung aus Faszination und Ekel zu kreischen: Iiih, die Emscher, wie die stinkt. Eine Jugend im Ruhrgebiet ist eine aufregende Angelegenheit.

Dieser kleine Abschweif hilft vielleicht, die Begeisterung zu verstehen, die Hängebauchschweine bei Ruhrgebietskindern, insbesondere Oberhausener Kindern, hervorrufen. In Oberhausen gibt es einen Zoo, den Kaisergarten, der keine besonders spektakulären Tiere beherbergt (Hirsche, Otter, immerhin auch eine Landschildkröte), aber umsonst ist und von einer Wiese umgeben, auf der man prima picknicken kann. Im Kaisergarten gibt es auch Hängebauchschweine, deren Gehege der absolute Höhepunkt jedes Zoobesuches war.

Im Nachhinein wirkt es auf den ersten Blick etwas irritierend, Hängebauchschweine zu Lieblingstieren zu küren. Kinder neigen ja dazu, flauschige Tiere gut zu finden, welche mit großen Kulleraugen, angemessenen Proportionen und einem zugewandten Wesen. Hängebauchschweine erfüllen kein einziges dieser Kriterien: Ihre Augen sieht man in dem zerknautschten Gesicht und hinter dem platten Riesenrüssel praktisch nicht, wenn man sie streichelt, fasst man in vereinzelte Borsten und faltiges Schmirgelpapier (wobei sie die Zärtlichkeiten, die man ihnen zuteil werden lässt, nicht die Bohne interessieren), und ab einem gewissen Alter sind sie so fett, dass sie ihre Wampen hinter sich herschleifen, wenn sie ihre kurzen, dünnen Beinchen träge ein paar Schritte nach vorne schieben. Das ist schon ein beeindruckendes Spektakel. Nicht ohne Grund benannten die großartigen Missfits das Centro, den Gasometer und die Hängebauchschweine im Kaisergarten als die drei zentralen Sehenswürdigkeiten Oberhausens:

Vielleicht ist man als Ruhrpottkind auch einfach nicht so anfällig für klassische Attraktionen. Statt für hängende Gärten begeistern wir uns eben für hängende Bäuche. Und die Hängebauchschweine sind, in ihrer Grummeligkeit und ihrem völligen Desinteresse für gängige Schönheitsideale, würdige Vertreter des unprätentiösen Anarchismus, der den Pott und seine Bewohner so wunderbar machen. Und plötzlich weiß man wieder, warum man als Kind mit unverhohlener Begeisterung zuguckte, wie die Schweinchen behäbig, aber auch irgendwie munter ihre Bäuche durch die Gegend trugen.


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