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Denken in Dekaden

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Dezember 11, 2013 by moi

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Ich habe letzten Samstag kapiert, dass der Sommer vorbei ist. Dafür musste der erste Schnee fallen. Vorher habe ich es einfach verdrängt und bin in Seidenhemdchen auf Parties in ungeheizten Räumen gegangen und habe mich gewundert, warum ich so friere. Aber jetzt habe ich verstanden, der Winter ist da, und habe in großer Vernunft die Wintermäntel herausgeholt.

Hamburg ist die Stadt, in die ich nach dem Abitur gekommen bin, um erwachsen zu werden, und in der ich seit zehn Jahren lebe. Die ersten fünf Jahre war ich mehr überall in der Welt als anderswo, und als ich zurückkam, habe ich Hamburg auf der Elbfähre einen Heiratsantrag gemacht und Hamburg fand mich pathetisch und mal wieder viel zu laut, hat aber trotzdem ja gesagt. Dafür habe ich ganz unpathetisch unser Zehnjähriges am 1. September 2013 verpennt. Als ich nach Hamburg kam, war ich 19 und wollte ein guter Mensch werden und wild und frei und voller Liebe leben. Wie das aussehen sollte, davon hatte ich keine Ahnung, außer, dass es natürlich gut aussehen sollte, und wie ich dahinkommen sollte, davon hatte ich noch weniger Ahnung.

Meine Freunde in der Zweitheimat Frankreich lade ich immer nach Hamburg ein, und sie sagen Ah oui oui oui und sie kommen doch nie, weil es ihnen viel zu kalt ist und viel zu viel regnet. Ce n’est certainement pas pour le beau temps que je vis là-bas, ich wohne sicherlich nicht wegen des schönen Wetters da, sage ich dann und schäme mich, permanent Klischees zu reproduzieren und im Anschluss daran das noch viel schlimmere Klischee zu reproduzieren, dass in jedem Klischee ja doch auch ein Fünkchen Wahrheit steckt, vermutlich und angeblich. Hamburg ist die Stadt, mit der ich mich die letzten zehn Jahre auseinandergesetzt habe und in der ich mich mit mir und mit unzähligen Menschen auseinandergesetzt habe und in der ich alle erdenklichen Erkenntnis- und Gefühlslagen durchlebt habe. Aber ob ich dabei erwachsen geworden bin? Na, ich weiß nicht. Ich trinke Champagner und höre Brahms, während ich das hier schreibe, was sich sehr erwachsen anhört. Dafür steht neben mir eine Rolle Klopapier, weil ich weiterhin zu faul bin, um Küchenrollen zu kaufen.

Und dann haben Hamburg und ich uns dieses Jahr neu entdeckt. Denn es ist etwas Unglaubliches passiert: Es gab einen echten Sommer in Hamburg, der länger als drei Tage gedauert hat. Das Leben ist ja überhaupt ein anderes, wenn man beim Laufen den Wind in den nackten Kniekehlen spürt. Aber Hamburg hat plötzlich im Sommer das erste Mal gerochen, dieser Sommergeruch aus Menschen, denen warm ist (ja, den mag ich tatsächlich), aus Bäumen und Autos und Wasser und Grillfleisch. Hamburg war schon immer schön, aber plötzlich hat es gerochen. Und man konnte mit dem Fahrrad und seinen Sommerkleidern die Grenzen der Unanständigkeit ausloten.

An einem dieser Tage, an denen es so warm war, bin ich in einem Kleid, das definitiv zu kurz ist fürs Fahrradfahren, aber dafür todschick, einer 2-Euro-Primark-Sonnenbrille und einer Lederjacke in die Deichtorhallen gefahren. Ich hatte fiese Schweißflecken unter meiner Lederjacke, aber ich musste eine tragen, weil ich zu euphorisch und misanthropisch war, um beim Warten an der Ampel die Gespräche der Menschen ertragen zu können und lieber David Bowie hören wollte, wofür ich einen Ipod brauchte, den ich beim Fahren in einer kopfhörernahen Tasche verstauen konnte. Das war auch gut so, denn an der Kunsthalle musste ich sehr lange an einer Ampel warten, an der Menschen standen, von denen ich, ohne ein tatsächliches Wort gehört zu haben, in pubertärer Überzeugung hundertprozentig sicher war, dass ich ihre Gespräche nicht mitbekommen möchte.

Ich stand also dort und wartete und überlegte, wie ich mich wohl gefunden hätte, wenn ich jetzt als Teenager neben mir stehen würde, der in die große Stadt ziehen wollte, um ein guter Mensch zu sein und wild und frei und voller Liebe zu leben. Und ich war sehr froh, als die 17-jährige Hanna sich dachte: So möchte ich in dem Alter auch mal sein. Die fast 30-jährige Hanna dachte sich: „In dem Alter“, au weia. Und auch: „Wenn du wüsstest, dass das schon cool ist, aber auch nicht ganz so cool, wie du denkst.“ Ich war mir nicht sicher, ob das dem Teenager neben mir nicht sowieso schon klar war.

Eine Freundin von mir hat einmal gesagt, man wäre nicht erwachsen, bevor man nicht für sich selber seine eigenen Eltern sein könne. Eine andere meinte, man würde es daran merken, dass man anfängt, in Dekaden zu denken. Ich finde außerdem, man sollte nicht erwachsen werden, bevor man nicht die Person geworden ist, die man mit 17 sein wollte.

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Niemand außer einer jungen Dame und mir weiß, unter welchen Umständen dieses Foto geschossen wurde und welche Gegenstände sich in unseren Handtaschen befanden.

2 comments »

  1. Patrick sagt:

    Bei mir ist es genau umgekehrt; ich benutze Küchenrollen auch als Klopapier – aus ähnlichen Gründen allerdings. Und auch sonst bestehen hier gewisse Parallelen zu einem mir nicht unvertrauten Leben.

  2. madhavi sagt:

    So schön geschrieben! xxx

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