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Das wahre Leben ist anderswo

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Februar 18, 2014 by moi

20140217Wer ist hier wohl der Alkoholiker und wer der jugendliche Schönling? Paul Verlaine und Arthur Rimbaud

 

Amour Fou in Montmartre hat wohl niemand so konsequent gelebt wie die Dichter Paul Verlaine und Arthur Rimbaud

Einen „Engel im Exil“ nannte der 27-jährige Paul Verlaine seinen Dichterkollegen Arthur Rimbaud, der im September 1871 an die Tür Verlaines in der 14 Rue Nicolet am Fuß des Butte Montmartre klopfte. Der noch nicht ganz 17-jährige Rimbaud hatte seinem Idol seine Gedichte geschickt, woraufhin Verlaine ihn in das Haus seiner Schwiegereltern einlud, wo er mit seiner hochschwangeren Ehefrau Madeleine lebte. Verlaine bemühte sich gerade, häuslich zu werden: Nach Revolutionsversuchen in der Pariser Kommune, suizidalen Alkoholexzessen und der literarischen Etablierung durch die Poèmes Saturniens (1866) und die Fêtes Galantes (1869) versuchte er sich in Friede, Freude, Eierkuchen.

Doch zum Glück macht Rimbaud ihm einen Strich durch die Spießerscheiße. Rimbaud, Beau comme un Dieu und von bedingungsloser Radikalität, und Verlaine, sensitiv, depressiv und ziemlich hässlich, beginnen eine wüste Affäre miteinander, die drei Jahre dauern wird. Der Aufenthalt in der Rue Nicolet endet allerdings schon nach ein paar Wochen: Madeleines Familie besteht auf seinem Rauswurf, nicht nur aufgrund der Affäre, sondern auch, weil Rimbaud sich mit Vorliebe bei unpassenden Gelegenheiten entblößt.

Rimbaud und Verlaine pöbeln, dichten und lieben sich ein Jahr lang durch die Cafés und Hotelzimmer Montmartres und hinterlassen dabei eine Spur aus Blut, Sperma und Absinth. Sie verscherzen es sich mit so ziemlich jedem, sogar mit der Bohème, denen gemeinsam verfasste Gedichte wie Le sonnet du cul – „Das Sonett des Arschloches“ (1872) dann doch zu weit gehen:

Obscur et froncé comme un oeillet violet
Il respire, humblement tapi parmi la mousse
Humide encor d’amour qui suit la pente douce
Des fesses blanches jusqu’au bord de son ourlet.

Des filaments pareils à des larmes de lait
Ont pleuré, sous l’autan cruel qui les repousse,
À travers de petits caillots de marne rousse,
Pour s’en aller où la pente les appelait.

Ma bouche s’accoupla souvent à sa ventouse ;
Mon âme, du coït matériel jalouse,
En fit son larmier fauve et son nid de sanglots.

C’est l’olive pâmée, et la flûte caline ;
C’est le tube où descend la céleste praline :
Chanaan féminin dans les moiteurs éclos !

Nacht-Nelke, kraus und fältig, violett,
Du duftest dunkel auf im Nachgenuss
Der Liebe, die dem sahnesüßen Fluss
Schneeweißer Wangen folgt zu Deiner Stätt.

Du bist betaut, der heiße Regenguss
Benetzte Dich. Das Rinnsal milchig-fett
Nahm sich dein mergelrotes Beet zum Bett
Und Schollenklümpchen tränkt sein Überschuss.

Oft eint mein Mund sich Dir in langem Kuss,
Es baut mein Herz, das neidvoll zuschaun muss,
In seines Traufdachs Schutz ein Seufzernest.

Südsüße Feige Du! Du Schmeichelflöte,
Du Füllhorn von Konfekt in Himmelsröte,
Kanaan aller Wollust, schweißgenässt!

„Das Ziel der Poesie ist das Schöne, einzig das Schöne, das reine Schöne, ohne jedwede Verquickung mit dem Nützlichen, dem Wahren und dem Gerechten“, findet Verlaine. Rimbaud will alles zerstören, um es unendlich schöner wieder auferstehen zu lassen: „Das wahre Leben ist anderswo“, proklamiert er, und: „Die Liebe muss neu erfunden werden“. Wie das aussieht? In einem Café rammt Rimbaud Verlaine ein Messer so tief in die Hand hinein, dass die Spitze im Holz des Tisches feststeckt. Da zieht Verlaine erstmal wieder die Eier ein und will in den bürgerlichen Schoß der Familie zurückkehren.

Doch die beiden können nicht mit und nicht ohne einander, reisen durch Frankreich, Belgien und Großbritannien. Zum endgültigen Bruch kommt es im Juli 1873 in Brüssel: Nach einem Streit schreibt Verlaine Abschiedsbriefe an Rimbaud und seine Familie. Rimbaud kehrt zurück, im Gepäck eine Pistole, mit der er sich und Verlaine umbringen will. Dann allerdings schießt Verlaine mit dieser Pistole im Vollsuff seinem Liebhaber in die Hand. Rimbaud bricht endgültig mit Verlaine, der zwei Jahre wegen Päderastie und Analsex ins Gefängnis muss. Verlaine verarbeitet die Beziehung im Gedichtband Romances sans paroles (1874), den „Liebesliedern ohne Worte“, und wird anschließend überzeugter Katholik. Rimbaud veröffentlich 1873 Une saison en enfer, „Ein Aufenthalt in der Hölle“, und beendet als 20-jähriger seine Karriere als Dichter, um sich in Afrika als Waffenhändler zu verdingen, unter anderem.

Es kommt einem sehr bürgerlich vor, sich zu fragen, ob das eigentlich eine Liebesgeschichte ist. Es war wild, bedingungslos, es ging um alles – und zwei Menschen waren bereit, aneinander draufzugehen. Der eine, weil er es wollte, der andere, weil er nicht anders konnte. Rimbaud beendet Une saison en enfer mit dem Satz: Et il me sera loisible de posséder la vérité dans une âme et un corps – „Es wird mir gestattet sein, die Wahrheit in einer Seele und einem Körper zu besitzen.“

Dieser Beitrag ist Teil der Serie „Les Bloggers de Montmartre“, die die Ausstellung „Esprit Montmartre“ in der SCHIRN KUNSTHALLE Frankfurt begleitet (Bis 1. Juni).

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