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Das empowerte Meerschweinchen

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September 9, 2015 by moi

20150909Man sieht es nicht, aber eigentlich hat dieses Meerschweinchen rote Haare.

Letzte Woche habe ich ein Tierfoto gepostet, das ich sehr niedlich fand und mich berührt hat. Es handelt sich um ein Meerschweinchen, das eigentlich das Haar von Donald Trump ist, oder andersherum. Manch einer sagt, es seien nicht die Zeiten dafür, auf Facebook alberne Tierfotos zu posten. Dahinter steckt der Vorwurf, so behaupte ich, dass das Posten von Tierfotos Ausdruck eines Eskapismus sei, der dem Zustand der Welt nicht angemessen sei. Ich bin mir nicht sicher, ob der Mensch nicht etwas komplexer ist. Ich glaube vielmehr, dass sowohl Menschen als auch Meerschweinchen etwas komplexer sind.

Zunächst einmal muss man sagen, dass Meerschweinchen in dem Ruf stehen, den sie sich zumeist als Haustier in Kinderjahren eingehandelt haben, dass sie etwas dümmliche und mitunter sexuell etwas zu aufgeschlossene Kleintiere sind. Meerschweinchen laufen schnell Gefahr, Opfer von Hohn und Spott zu werden. Nicht so dieses Meerschweinchen: Es ist ein empowertes Meerschweinchen. Es schnürt seine Siebensachen, macht sich auf in ein selbstbestimmtes Leben und löst sich aus dem Herr-Knecht-Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Dabei imitiert es mit seinem Ränzchen den Habitus der Menschen und führt ihn ad absurdum. Dieses Meerschweinchen durchbricht die heteronormative Matrix und verhält sich in einer Weise dialektisch, dass Hegel seine helle Freude daran hätte.

Doch man wird dem kleinen roten Meerschweinchen nicht gerecht, wenn man es auf seinen Intellekt reduziert. In der Literaturwissenschaft ist ein zentrales Motiv der Regressus ad uterum, die Rückkehr in den Mutterleib. Nicht nur, dass das Meerschweinchen ein Spielgefährte in Kindheitstagen war. In jenen Tagen war die Vorstellung des Ränzchenschnürens und Ausbüxens Rettungsanker vieler erboster Stunden, in denen man sich, meistens angesichts der Übermacht der Erwachsenen, klein und hilflos fühlte. Ausdrücke wie to run off and seek a better life findet man in vielen Märchen, in denen am Ende alles gut wird. In der Literatur wollen sie immer dann in den Mutterleib zurück, wenn sie überfordert sind.

Ich glaube, wir sind gerade auch sehr überfordert und hoffen, das alles gut wird. Das Meerschweinchen hilft einem ein bisschen, diese Überforderung auszuhalten. Das kann man Eskapismus nennen. Vielleicht ist es aber auch einfach nur menschlich.

Bei allem, was das Meerschweinchen betrifft, darf man nicht vergessen, dass es sich bei diesem Meerschweinchen in Wirklichkeit um Donald Trumps Haar handelt und bei Donald Trump um einen widerlichen Rassisten, der aber leider sehr viel Geld und damit sehr viel Macht hat, ein Sinnbild für die Haltung eines Teils der Gesellschaft, gegenüber der man sich auch sehr hilflos fühlen kann. Lee Miller, Model, Surrealistin und Kriegsfotografin der Vogue, hat sich 1945 dabei fotografiert, wie sie in Hitlers Badewanne sitzt oder auf dem Bett von Eva Braun fläzt, was, wenn man darum nicht weiß, dass es sich um das Bett von Eva Braun handelt, ganz schön sexy aussieht; und wenn man darum weiß, eigentlich noch viel sexier: Quels cochones, Mademoiselle! Und im Rahmen seines persönlichen Empowerments leistet dieses Meerschweinchen noch etwas viel Wichtigeres: Es entzaubert Donald Trumps Macht, indem es sich einfach weigert, weiter dessen Haar zu sein und sich auf ins Ungewisse macht. Das macht Mut, und den kann man in diesen Zeiten wirklich gut gebrauchen.


1 comment »

  1. [...] bisschen fühlt es sich auch so an, nach drei Monaten wieder zu bloggen und sich immer noch zu fragen, ob das Mäandern über formschöne Verweigerung diesen Zeiten angemessen ist. Und dann [...]

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