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Blond vs. Backfisch

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Juni 26, 2016 by moi

20160625Nein, ein Backfisch zu sein ist keine Option. Foto: Roman Rätzke

 

Als ich in den 1990er-Jahren ein Teenager in der Provinz war, gab es genau zwei Sorten von Mädchen: Es gab die, die wie Kate Winslet mit Leonardo DiCaprio mit ausgebreiteten Armen am Bug der Titanic stehen und Celine Dion hören wollten; und es gab die, die wie Liv Tyler und Alicia Silverstone im „Crazy“-Video von Aerosmith zusammen im Cabrio abhauen und süßen Jungs auf Treckern hinterher pfeifen wollten. Entweder wollte man Amazone werden oder eben Backfisch. Die Backfische hatten dunkelblonde Haare und waren auch sonst eher so der natürliche Typ, und ich färbte mir die Haare erst in allen möglichen Farben und dann pechschwarz, damit bloß niemand auf die Idee kam, dass ich mit überschaubarer Körpergröße, blauen Augen, Sommersprossen und Pausbacken eine von ihnen sei (Als ich Teenager war, erboste es mich sehr, dass Menschen dazu neigten, mich niedlich zu finden.)

 

 

Als ich dann mit Anfang Zwanzig ein Jahr in Bordeaux lebte und entdeckte, dass Weltschmerz nicht alles sein kann, ging ich zum dortigen Friseur, sagte, dass ich wieder blond sein wollte und unterschrieb einen Vertrag, dass ich die Verantwortung für alle Folgen übernehmen würde, die daraus erwachsen würden, so viel Wasserstoffperoxid auf meine Haare zu schütten, bis sie wieder blond seien. Das war ein durchaus schmerzhafter Prozess, aber die Metamorphose von der schwarzhaarigen, vegetarischen Existenzialistin zur properen, blonden Carnivorin war durchlaufen. Damals lernte ich: Blond ist man nicht aus Spaß, das ist eine Lebensaufgabe, und die besteht darin, blond zu sein. Und blond ist nicht dunkelblond, dafür ist blond viel zu dramatisch und dunkelblond viel zu unprätentiös. Auch Teil der Blonden Intelligentsija, des einzig relevanten Geheimbundes der letzten zehn Jahre, wird man nur, wenn man nicht nur sehr blond und sehr schlau, sondern auch sehr dramatisch ist.

Da ich nun endlich eine Lebensaufgabe gefunden hatte, musste ich einen Weg finden, den Rest meines Lebens blond sein zu können, ohne dass das Wasserstoffperoxid mittelfristig meine Kopfhaut wegätzen würde. Ich halte nichts von dieser neumodischen Unsitte, mit verlottert ungefärbten Ansätzen durch die Gegend zu laufen und seine Naturhaarfarbe zur Schau zu stellen, und gehe daher einmal im Monat zum Blondieren. Ähnlich wie das Tragen von High Heels hat auch Blondsein viel mit Selbstdisziplin zu tun. Zum Glück hatten Mitte der Nuller-Jahre, als ich mich fürs Blondsein entschied, gewitzte Menschen schon sanfte Blondierungen entwickelt, die das Haar aufhellen, aber nicht bleichen. Auf die Frage an meine Friseurin, ob diese sanften Blondierungen wirklich so sanft seien, antwortete sie: Naja, immerhin darf ich die ohne Handschuhe auftragen. (Eine andere Friseurin hat mir mal erzählt, dass Friseure oft keine Berufsunfähigkeitsversicherungen bekommen, weil sie wegen der ganzen chemikalischen Dämpfe zu risikobehaftet sind. Seitdem gebe ich noch mehr Trinkgeld, trotz sanfter Blondierung.)

Das klang so beruhigend, dass ich das Schicksal meiner Haare vertrauensvoll zehn Jahre in die Hand meines Friseurs gab. Aber eines Tages trug meine Friseurin (es war mittlerweile eine andere) wieder Handschuhe, und mein Ansatz stand in seiner Weißblondheit plötzlich in keiner Relation mehr zu meinem Ursprungsblond. Nicht, dass ich noch wüsste, wie dieses Ursprungsblond aussieht, aber wie es blondiert aussieht, sehe ich ja am Rest meiner Haare. Man schwur mir, dass das dieselbe Farbe sei wie immer. Das nächste Mal trug sie wieder Handschuhe, meine Kopfhaut juckte und der Ansatz schimmerte grün. Auch das lag angeblich nicht an veränderter Farbe, sondern an der Feinheit meiner Ansatzhaare, was ich als Frechheit empfand, weil ich sehr stolz darauf bin, Haflingerhaare zu haben. Da ist nichts fein und da hat auch nichts grün zu schimmern. Ich wurde zickig. Da geh ich nie wieder hin. Die schmieren mir billiges Chemiezeug in die Haare und verkaufen das als sanfte Blondierung.

Das Schlimmste ist ja der Vertrauensverlust. Ich habe diese Menschen schließlich in meine Lebensaufgabe mit einbezogen. Ich fühle mich schon auch ein bisschen verloren. Indes: Andere Mädchen haben auch gute Friseure. Und eine echte Blondine würde nie zulassen, dass ein Mensch schlecht zu ihren Haaren ist.


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