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Grausamer Optimismus

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Juli 18, 2013 by moi

20130719Plädoyer für eine seltsame Welt

In ihrem aktuellen Buch Cruel Optimism kritisiert Laurent Berlant, dass wir uns mit veralteten Lebensmodellen unglücklich machen. Sie sagt: Leute, es ist okay, wenn euer Leben prekär und chaotisch ist. Das, was euch unglücklich macht, sind eure Disney-Fantasien. Und überhaupt: Im Interview erweist sich Berlant als wesentlich weniger pessimistisch, als man es von jemandem erwarten würde, der Optimismus grausam findet

 

Mrs. Berlant, in Cruel Optimism kritisieren sie, dass wir der Fantasie vom guten Leben nachhängen. Was ist denn an einem guten Leben auszusetzen?
Ich setze „das gute Leben“ in Anführungsstriche, weil es eine Fantasie ausdrückt, die unter den heutigen Lebensbedingungen überhaupt nicht mehr zu realisieren ist. Die Frage, die ich mir in Cruel Optimism stellt, lautet: Why do people stay attached to lifes that don’t work? Wir bilden uns ein, dass man uns endlich lieben wird, wenn wir nur ein bisschen abnehmen, oder dass unser Gefühl, in einer prekären Welt zu leben, verschwindet, wenn wir nur endlich Geld haben. Dieses Gefühl macht uns unglücklicher, als einzusehen, dass das Leben einfach schwierig und seltsam ist.

Die Bindung an die Dinge, die diese unerfüllbare Vorstellung eines guten Lebens repräsentieren – materieller Wohlstand, die ewig dauernde Paarbeziehung, ein unbefristeter Arbeitsvertrag – nennen Sie „grausamen Optimismus“.
Dabei muss grausamer Optimismus von einer enttäuschenden Bindung unterschieden werden. Wenn mir beim Schreiben ein Bleistift bricht, bin ich enttäuscht von dem Bleistift, aber ich denke nicht, dass das das Ende des Schriftverkehrs ist. Mein Lieblingsbeispiel für Grausamen Optimismus ist eine destruktive Liebesbeziehung. Man kann jemanden nicht verlassen, obwohl er das eigene Selbstwertgefühl zerstört, weil man nicht nur die Person verlassen würde, sondern auch den Anker für alles Positive im eigenen Leben. Deswegen bleibt man bei dieser Person, obwohl man unglücklich ist, weil es ohne sie als Projektionsfläche keine Bühne für diese Fantasie gibt – obwohl die Person unsere Fantasie nicht im Geringsten befriedigt.

Wir sind aber nicht nur in der Liebe, sondern auch in Bezug auf unsere Lebensumstände grausam optimistisch. Woher kommt das?
Wir hängen Versprechungen des Kapitalismus nach, die nur in einer sehr kurzen Zeit erfüllt wurden, in der Nachkriegsphase von 1945-1980. Das waren die Zeiten des Wirtschaftswunders, es sah so aus, als könnte jeder Mensch durch harte Arbeit und Anpassung zu Wohlstand kommen, wobei Wohlstand immer auch mit Glück und Liebe gleichgesetzt wird. Die prekären Lebensverhältnisse, in denen wir uns heute befinden, sind nicht neu. Die Gesellschaft sah Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts genau so aus. Der Krisenzustand war und ist Normalzustand, aber das ist schwer einzusehen: Wenn man sich von einem Partner trennt, beschäftigt man sich trotzdem immer noch mit der Beziehung oder Trennung. Ebenso haben wir ein affektives Verhältnis zur Welt. Und obwohl der Kapitalismus seine Versprechen schon lange nicht mehr erfüllt, glauben viele Menschen immer noch an seine Versprechen. Man kann sich von einer Idee trennen, aber sie wird einen immer noch beschäftigen.

Kann man seinen grausamen Optimismus dann höchstens dadurch loswerden, dass man sein Unglück akzeptiert: Die Welt ist schlecht und die Liebe auch?
Jack Halberstam, ein bekannter Queer-Theoretiker, hat viel zum Thema Depression geforscht und plädiert dafür, das Scheitern zu umarmen. Er betrachtet das als halb revolutionären und halb realistischen Akt: Die Welt sei so organisiert, dass fast jeder darin scheitern muss. Wenn man einsieht, dass man die Welt nicht beherrschen kann, sieht man auch ein, dass man nicht radikal anders denken kann. Ich teile diese Sichtweise nicht. Ich finde, anstatt das Unglück zu akzeptieren, sollte man lieber versuchen, sein Leben entsprechend den Umständen neu zu organisieren und eher zu akzeptieren, dass viele Dinge anders aussehen könnten: Unser Berufsleben, unser Liebesleben, unsere freundschaftlichen Beziehungen. Wir sollten experimenteller leben und akzeptieren, dass das Leben kompliziert sind. Selbst die positivsten Beziehungen sind mit einer Menge Lärm verbunden.

Viele Menschen fühlen sich damit überfordert. Gerade junge Frauen kehren angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse wieder zu einem konservativen Lebensentwurf zurück und werden Hausfrauen und Mütter.
In Krisenzeiten halten viele Menschen mit leidenschaftlicher Verzweiflung an althergebrachten Formen fest. Die Frage ist, ob dieser Lebensentwurf ihnen tatsächlich die Stabilität verleiht, die sie sich sich von ihm erhoffen. Ich finde, es ist Zeit für eine Neuerfindung sozialer Verhältnisse. Das kann auch bedeuten, dass alte Formen neu interpretiert werden: Nina Power, eine sehr linke Feministin, argumentiert zum Beispiel dafür, dass Frauen früh Kinder bekommen sollen, gerade um sich vor Selbstausbeutung zu schützen. Sie sagt, dass die wirtschaftlichen Verhältnisse unsere Lebensführung so dominieren, dass es irgendwann zu spät fürs Kinderkriegen ist. Früh Kinder zu bekommen, sei der beste Weg, sich vom Kapitalismus nicht sein Intimleben diktieren zu lassen.

Teilen Sie ihre Ansicht?
Nein, aber ich finde es eine sehr interessante Haltung. Konventionalität und Experimentalität können sich auch überlappen. Mir geht es aber eher darum, neue Modelle zu entwickeln. Ich interessiere mich für Freundschaften und Netzwerke, dafür was es bedeutet, verlässlich zu sein. Viele Sozialtheoretiker sehen zum Beispiel das Internet als Bedrohung des sozialen Zusammenhalts. Aber es gibt nicht nur die Kleinstadtfantasie, dass jeder jeden kennt und auf der Straße grüßt. Gerade im Internet gibt es viel reichhaltigere Möglichkeiten, mit jemandem auf physischer oder psychischer Ebene eine Beziehung zu haben.

Sie sehen in prekären Lebensverhältnissen also auch eine Chance?
Ich sage zu meinen Studenten immer: Es ist immer schwieriger, queer zu sein, als normal. Aber ich glaube, die Krise des Kapitalismus ist eine große Chance für uns, darüber nachzudenken, welche Formen von Prekarität uns möglicherweise ein besseres Leben ermöglichen als das „gute Leben“.

Eine der Rezensentinnen ihres Buches, Jenna Brager, interpretiert Cruel Optimism als Aufruf, alle seine schlechten Eigenschaften zu kultivieren.
Es geht mir auch darum, Wege zu finden, um seinen Widerstand gegen althergebrachte Lebensweisen deutlich zu machen. Dazu gehört nicht zuletzt auch, den Druck zurückzuweisen, ein Unternehmer seiner selbst zu sein. Ich denke, das hat sie gemeint. Aber ich plädiere nicht dafür, exzessiv zu leben und jung zu sterben. Diese Haltung ist eine Art, Tod und Alter zu verneinen, und viel grausamer Optimismus entsteht aus Angst vor Alter und Tod. Gegen das Selbstunternehmertum kann man sich auch anders wehren: Durch bessere Gedanken, bessere Kunst, dadurch, seine Lebensqualität nicht am Einkommen, sondern an Solidarität zu messen. Jeder verdient, Gedanken zu haben, die nicht in irgendeiner Form nützlich und effizient sein müssen. Gute Gedanken und gute Gespräche sind meiner Meinung nach ein wichtiger Schritt zu einem besseren guten Leben.

Das klingt nach einer Rückkehr zu den einfachen Dingen. An einer Stelle in Ihrem Buch heißt es, wir sollten die Banalität des Sex mehr zu schätzen lernen, und nicht nur den Orgasmus.
Ich beschäftige mich in meiner Arbeit sehr stark mit Sexualität. Die Studenten kommen in meine Kurse und finden, sie sollten möglichst viele und möglichst radikale Sexualpraktiken ausprobieren, um radikal und queer zu sein. Man schämt sich dafür, gewöhnlichen Sex zu haben, den man danach schnell vergessen hat. Dabei ist es wundervoll, Dinge zu genießen, sie zu vergessen und dann wieder zu tun. Es gibt so viele gewöhnliche Freuden, wie essen, oder eine gute Unterhaltung. Man hat immer diese Fantasien von den ganz besonderen Momenten, die man immer im Gedächtnis behält. Verlieren und vergessen ist aber meiner Meinung nach wichtiger als besitzen. Im Übrigen sind viele Menschen selbst von ganz gewöhnlichem Sex überfordert. Nichts, was zwischenmenschlich passiert, ist einfach, man darf sich da nichts vormachen.

Wie geht man damit um, dass alles chaotisch und prekär ist?
Wir sollten die Möglichkeit haben, frei zu reden. Ich nehme wieder das Beispiel der Sexualität: In der queer culture wird sehr offen über Sex geredet, während in Hetero-Beziehungen immer erst eine Flasche Wein aufgemacht wird und über Sex nur dann geredet wird, wenn man ihn gerade nicht hat. Es gibt in der Psychoanalyse des Ausdruck der freien Assoziation. Die Menschen sind sehr schlecht darin, deswegen gehen sie zur Psychoanalyse. Ich glaube, die Menschen haben Angst vor freier Assoziation, weil sie die Welt als feindlichen Ort empfinden, und flüchten sich lieber in ihre Fantasien. Ich bin dafür, zusammenzurücken und aus der Welt einen besseren Ort zu machen und dabei ihre Seltsamkeit und auch ihr Verstörungspotential zu akzeptieren. Die Welt ist komisch, nicht im Sinne von lustig, sondern komisch im Sinne von extrem seltsam: Die Dinge fallen zusammen und gehen auseinander, ohne dass es ewige Stabilität geben würde. Auch wenn der Konsumfetisch uns das weismachen will.

Biographie: Laurent Berlant, geboren 1957, ist Professorin für Englische Literatur an der Universität von Chicago. Sie beschäftigt sich mit Intimität und Sexualität sowie Kapitalismuskritik. Für ihr Buch „Cruel Optimism“ (2011), in dem sie diverse Filme und Bücher als „Kino der Prekarität“ liest, gewann sie 2011 den René Wellek Prize und wurde von der BBC-Sendung „Thinking Allowed“ gefeiert.

Interview: Hanna Klimpe, erschienen in TUSH Magazine 01/2013


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