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Au revoir Julien

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Oktober 9, 2015 by moi

20151009Julien Sorel: Voll süß

 

Kürzlich habe ich ein Buch ausgelesen. So was soll vorkommen. Es war aber nicht ein Buch. Es war DAS BUCH. Le Rouge et le Noir von Stendhal. Das Buch, ohne das ich nie promoviert hätte und, viel wichtiger, ohne dass ich mich in meinen Zwanzigern verloren hätte. Jeder Mensch, der Le Rouge et le Noir noch nicht gelesen hat, muss dies unverzüglich tun, wenn er nicht unglücklich sterben oder auch nur weiterleben will.

Ich hatte einmal eine Mitbewohnerin, die sagte: Promotion ist ein Sex-Killer. Du gehst auf eine Party, du sagst, dass du promovierst, und alles ist verloren. Immer, wenn ich Menschen sagen soll, worum es in meiner Promotion geht, und ich möchte, dass sie danach nicht nicht wissen sollen, wie sie jetzt reagieren sollen und sich deshalb umdrehen und gehen, dann sage ich: Im Großen und Ganzen geht es darum: Kleine Jungs haben große Pläne und fallen entweder auf die Schnauze oder zu einem Mädchen ins Bett.

Auf Julien Sorel, den Protagonisten von Le Rouge et le Noir, trifft das ganz besonders zu. Ich lese Le Rouge et le Noir einmal pro Jahr, seit ich zwanzig Jahre alt bin. Es gibt keinen realen Mann, mit dem ich mich so kontinuierlich und intensiv beschäftigt habe wie mit Julien Sorel. 1830, mitten in der Restauration, ist Julien 18 Jahre alt, Kleinbürgersohn, und möchte gerne Napoleon sein. Weil die Zeiten schrecklich konservativ sind, geht das aber nicht und deswegen beschließt er, Priester zu werden. Auf dem Weg dahin beginnt er eine Affäre mit der zwölf Jahre älteren Frau des Bürgermeisters seiner Heimatstadt und schwängert eine Adelstochter. Am Ende wird er geköpft. Mérimée, ein Freund von Stendhal, schrieb ihm einmal in einem Brief: Pourquoi avez-vous choisi un caractère qui a l’air si impossible… Je m’imaginais avoir compris Julien et il n’y a pas une seule de ses actions qui n’ait contredit le caractère que je lui supposais. – Warum haben Sie einen Charakter gewählt, der so unmöglich scheint… ich meinte, Julien verstanden haben, und dann gibt es nicht eine seiner Handlungen, die dem Charakter, den ich ihm unterstellt habe, nicht widersprochen hätte. Bei Stendhal selbst heißt es: Chez cet être singulier, il y avait presque tous les jour tempête. - Bei diesem einzigartigen Wesen gab es beinahe jeden Tag Sturm und Getöse.

Das erste Mal habe ich Le Rouge et le Noir in Dunkerque gelesen, in einer Stadt, in die die meisten Franzosen keinen Fuß setzen würden. Dunkerque ist so arm, dass nach dem zweiten Weltkrieg die durchschossenen Steine der zerbombten Häuser genommen wurden, um die Stadt wieder aufzubauen, weil sie zu arm waren, um neue Steine zu kaufen. An den Stränden stehen auch überall zerbombte Luftschutzbunker. Wenn man aus dem Ruhrgebiet kommt, ist Dunkerque auf seine Art und Weise ganz wunderbar. Danach hat mich Le Rouge et le Noir existenziell durch meine Zwanziger begleitet, weil ich entweder eine Hausarbeit oder eine Magisterarbeit oder eine Doktorarbeit darüber geschrieben habe. Als ich die Magisterarbeit abgegeben habe, forderten meine Freunde, mein Exemplar von Le Rouge et le Noir mit dem Konterfei von Julien zu verbrennen; daher habe ich in der Promotion neben Le Rouge et le Noir auch noch andere Bücher herangezogen.

Im Dezember werde ich meine Doktorarbeit verteidigen, und danach wird es sehr merkwürdig werden, Le Rouge et le Noir zu lesen, wenn ich nicht mehr darüber schreibe oder schreiben muss. Ich werde frei sein, Le Rouge et le Noir zu lesen oder nicht zu lesen. Wo Julien und mich doch immer das unbedingte Band des devoir verbunden hat. Ja, ich trenne mich. Aber sein Konterfei werde ich nicht verbrennen. Dafür ist er zu niedlich.

Ce vase, dit-il, est à jamais détruit, ainsi en est-il d’un sentiment qui fut autrefois le maître de mon cœur ; je vous prie d’agréer mes excuses de toutes les folies qu’il m’a fait faire, et il sortit.

 


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