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Auf der Pferderennbahn

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August 14, 2017 by moi

20170814Pferderennen verlangt volle Aufmerksamkeit

 

Am Wochenende war ich das erste Mal auf der Galopprennbahn Hoppegarten in Berlin. Dort konnte ich zwei meiner größten Leidenschaften frönen: Pommes und Ponies. Ich weiß gar nicht, warum ich noch nie auf der Galopprennbahn war, wahrscheinlich, weil ich schon so viel Zeit in Reitställen oder beim Ponyreiten in der Pampa verbringe; aber auch ein bisschen, weil ich Galopprennen immer mit Ascot-Elitarismus verbunden habe, obwohl man beim Pferdewetten zumindest literarisch in allerbester Gesellschaft ist (Hemingway! Bukowski!).

Ich war positiv überrascht, welchen Volksfest-Charakter so eine Galopprennbahn hat, und ja, ich mag Volksfeste. Fressstände mit Currywurst, Nackensteak und Pommes, Hüpfburgen für Kiddies, im Musikpavillon spielt eine Live-Band Sinatra-Songs, und natürlich sind überall Wettbüros. Ich liebe Volksfeste für Pommes und für soziale Diversität. Die Ascot-Damen sieht man natürlich auch, aber auch Rentner, Hipster, Familien, und Leute, die den Eindruck machen, als würden sie sonst in Spielhallen arbeiten und genießen, heute endlich mal selber wetten zu können.

Man hat den Eindruck, Galopprennbahn ist ein bisschen das, was Fußball war, bevor Ablösesummen von 222 Millionen Euro bezahlt wurden. Ja, irgendwelche saudischen Scheichs fliegen ihre Rennpferde für einen Tag mit der Boeing ein, aber darüber redet auf der Rennbahn niemand, das weiß man nur aus dem Fahrgastfernsehen der BVG. Orientieren kann man sich beim Pferdewetten an Aussehen oder Namen der Pferde, aber auch an den Beschreibungen im Programmheft, die sich so lesen wie Germany’s Next Topmodel, wenn Germany’s Next Topmodel nicht menschenverachtend wäre:

Diacetta’s Delight: Weiteres Pferd, das hier seinen Einstand gibt, wird vor Ort vorbereitet, auch sie muss sich erst einmal vorstellen. 

Vive l’Ami: Setzte sich hier mit viel Kampfgeist gegen El Zagal durch, nun ist es natürlich noch einmal schwerer, doch an seinem guten Bahnschnitt kommt man auch nicht vorbei.

Sun at work: Bahn- und Distanzsieger, lief auch in Hannover ein gutes Rennen, doch muss er diesmal auf die Reiterlaubnis verzichten, die man dort in Anspruch nahm. 

Ich für meinen Teil habe relativ schnell festgestellt, dass ich instinktiv zielsicher auf Außenseiter wette. Das hat mir gut gefallen. Gut gefallen hat mir vor allem aber auch das Anachronistische und Theatrale einer Galopprennbahn: In dieser 19. Jahrhundert-Architektonik scheint, was bei einer Rennbahn sehr lustig ist, die Zeit stehenzubleiben, was einen Schutzraum schafft, in dem sich die Besucher für Berliner erstaunlich unironisch kostümiert haben. Interessant ist auch, dass man von den ganzen Rennen, acht waren es an diesem Tag, von der Tribüne aus eigentlich immer nur fünf Sekunden erlebt, in denen die Ponies in die Zielgerade rennen (ansonsten sieht man sie nur als kleine Fürze am Horizont laufen oder in etwas größer auf dem Bildschirm). Bei einem Rennen im Halbstundentakt wartet man eigentlich nur auf diese fünf Sekunden hin. Und vielleicht ist das die große Weisheit, die die Galopprennbahn uns lehrt: Dass einem an Schnelligkeit und Aufregung im Leben eigentlich nichts verloren geht, wenn man einfach mal wartet, beobachtet und in Ruhe seine Pommes isst.


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