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Wider die Aufklärung

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April 3, 2013 by moi

20130403Schauspieler Fabian Hinrichs ist gegen Aufklärung und für Mystik.
Foto: Wiliam Minke

Fabian Hinrichs, der vor einiger Zeit eine gewisse Tatort-Berühmtheit erlangte, plädiert in seinem neuen Stück am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg für das mystische Erleben

l’Antitude: Der Titel Ihres neuen Stückes lautet. „Ich.Welt.Wir. Es zischeln 1000 Fragen“ – das hört sich an, als würde es um grundsätzlich alles gehen.
Fabian Hinrichs: Die Bühne ist ein kultischer Raum, da geht es immer um alles, egal, worum es geht. Wenn ich die Themen einordnen müsste, dann wären es die Mystik, das Göttliche und der eisige Hauch der Aufklärung, deralles Verzauberte weggeblasen hat. Also immer noch die Frage: wie kann man weiterleben, wenn es keine übergeordnete Adresse für das Elend dieses Daseins gibt? Und:vielleicht ist es ja auch gar kein Elend, sondern nur Dasein.

Ist dieser Mangel an Religiosität in der heutigen Zeit zu betrauern?

Natürlich, denn der Konkurrenzkampf und die Ich-Enfaltung, die Welt, in der man immer weiterweiss, diese auch durch immense Anstrengung gewaltsam geordnete Welt – das alles scheint ja mystischem Erleben entgegenzustehen. Die Frage ist, wie kann man im Alltag mystische Erfahrungen machen, die nicht der altchristlichen Regel folgen, dass das Jenseits voll sei und das Diesseits leer?

Sie preisen das Mittelalter, eine Zeit, die im Allgemeinen als finster gilt.

Ich möchte mich nicht als Apologet des Mittelalters aufdrängen, aber das Mittelalter war eine naturverbundene Zeit mit starken familiären Zusammenhängen und wenig Arbeit. Durch das Ständewesen konnte man sowieso keine Karriere machen. Es war wohl eine viel kindlichere und spielerische Zeit, als wir sie heute haben, und eben nicht finster, sondern vielmehr hell.

Was hat die Aufklärung Ihrer Meinung nach kaputt gemacht?

Etwas unscharf könnte man sagen: Das Fließende, das einer geplanten Ordnung gegenübersteht. Wir müssen ständig diesen Kampf ausfechten, wer wir sind und was unsere Stellung in der Welt ist. Ich traue zeitgenössischen Philosophen, die sagen, dass uns die Erinnerung unseres Gehirns an eine Zeit, in der es noch kampflos war, total fern ist. Aber vielleicht möglich! Vielleicht möglich! Natürlich müssen wir die Aufklärung immer verteidigen. Aber mit den Folgen haben wir zu leben, das tut nicht nur gut, sondern auch ziemlich weh. Vor allem die Liebe muss ausgleichen, was ersehnt wird, das ist eine große Überforderung.

Sie scheuen sich nicht, auf der Bühne große Fragen aufzuwerfen – in „Kill your Darlings!“ haben Sie sich gefragt, warum sich niemand mehr aus Liebe umbringt.

Die Sehnsucht nach Mystik ist die Sehnsucht nach etwas Absolutem, obwohl es sein könnte, dass das Absolute weder in meinem Alltag noch in den überlieferten mystischen Erfahrungen überhaupt auftaucht, sondern nur in meiner Sehnsucht danach. Wir übernehmen uns mit diesen Fragen natürlich. Aber wir sind keine Wissenschaftler, sondern vielleicht Künstler, wir können das machen. Wir müssen im Grunde genommen ja noch nicht mal etwas abbilden. Aber: Nichts abbilden geht natürlich überhaupt nicht. Wieder Ambivalenz,- ist das anstrengend!

Sie behandeln ernste Themen auf sehr unterhaltsame Weise. Ist es für Sie in Ordnung, wenn sich der Zuschauer nur gut amüsiert und hinterher ein Zitat auf Facebook postet?

Wenn die das posten, ist der Satz vielleicht auch nicht das einzige, was hängengeblieben ist. Grundsätzlich finde ich: Wenn die Leute lachen, dann sollen sie das tun, wenn sie weinen, sollen sie das tun und wenn sie sich langweilen, sollen sie das auch tun. Auf Resonanz hoffen, sich aber nicht zu sehr vom Blick und den Erwartungen Anderer leiten zu lassen- ich bin schließlich nicht die Spieldose. Obwohl….

Erschienen in SZENE HAMBURG 03/13, Interview: Hanna Klimpe

 


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